Enoh MEYOMESSE über Afrika, Europa und die Freiheit des Wortes

Der in Kamerun inhaftierte Schriftsteller und politische Aktivist Enoh Meyomesse wurde am 17. Jänner 2013 mit dem von PEN International und Oxfam vergebenen Freedom of Expression Award ausgezeichnet. Die Preisübergabe erfolgte in Abwesenheit des Autors im Rahmen des  The Writers Unlimited Winternachten Festivals in Den Haag . Lesen Sie hier die Dankrede des Autors.

Bearbeitung und Übersetzung : Dr. Jürgen Strasser

Enoh Meyomesse (C) PEN International
Enoh Meyomesse (C) PEN International

Im Jahr 1789 ereignete sich die Französische Revolution. Doch erst 1901 hat das französische Volk letztlich und endgültig die Versammlungsfreiheit erlangt. Es musste also 112 lange und mühselige Jahre hindurch einen Kampf austragen, um endlich in der Lage zu sein, Vereine zu gründen und sich frei zu versammeln, so wie es dies heute tut.

 In diesem beginnenden 21. Jahrhundert befinden sich der afrikanische Kontinent und mein Land Kamerun in einer ähnlichen Lage.

 1990 hatten infolge des Falls der Berliner Mauer und des damit festgeschriebenen Endes des Kalten Krieges zwischen Ost und West die Länder des Nordens, insbesondere Frankreich und die Vereinigten Staaten, denen sich Währungsfonds und Weltbank zur Seite gestellt hatten, zahlreiche afrikanische Länder dazu gezwungen, die Demokratie einzuführen.

 Seither jedoch kämpfen wir Völker und Intellektuelle jenes Weltteils Afrika darum, dass letztere bei uns wirksam, vollständig und umfassend wird. Es ist dies ein rauer Kampf, in den wir uns eingelassen haben. Er bringt uns Einschüchterungen aller Art ein, und im Zuge derer unzählige Haftstrafen. Die derzeitigen Machthaber benützen in verschiedenen Abstufungen das für sie ideale und ungefährliche Alibi des allgemeinen Verbrechens, wie es früher  während des Kalten Krieges in osteuropäischen Diktaturen, im Griechenland der Militärbefehlshaber, in Portugal unter der Salazar-Diktatur, in Spanien unter Franco und noch weiteren ins Treffen geführt wurde, um uns mundtot zu machen.

Zum Glück steht ihr, Völker aus dem Norden, Seelen guten Willens aus westlichen Ländern, in denen die Demokratie wirklich etabliert ist, entschieden auf unserer Seite und stellt damit  unter Beweis, dass die Freiheit der Menschen und deren Solidarität keine Grenzen kennen.

Indem Sie diesen Preis dem armseligen Schriftsteller, der ich bin, zuerkennen, während ich im tiefsten Winkel eines kamerunischen Gefängnisses dahinvegetiere, haben Sie Ihre machtvolle Stimme mit meiner vereint und mit jener der zahlreichen namenlosen Männer und Frauen, die in meinem Land eingekerkert werden, weil ihre Meinung manch hochrangigen Beamten im Staatsapparat nicht gefiel und diese sich deshalb Richter bedienten, um sich an ihnen zu rächen.

Was mich persönlich anlangt, so sehe ich sieben langen Jahren des Freiheitsentzuges entgegen – das Urteil wurde am 27. Dezember 2012 verkündet, ohne Beweismittel, ohne Zeugen, ohne Kläger und noch dazu, nachdem ich dreißig Tage lang von einem Obersten der Gendarmerie dermaßen gefoltert wurde, dass ich beinahe das Augenlicht verlor. Er hat mich ganz hinten in einen lichtlosen Kerker gesperrt, in dem ich die ganze Zeit in völliger Dunkelheit lebte. Er hat bei seinen Vorgesetzten darum angefragt und die Erlaubnis bekommen, dass ich keine Nahrung erhielt, anders gesagt, hatte er meinen Tod durch Verhungern vorprogrammiert. Und das ist noch nicht alles, ohne Durchsuchungsbefehl des Oberstaatsanwaltes und unter Berufung auf « die Staatsräson » hat er in meiner Abwesenheit, währenddessen er mich wie oben beschrieben in einer seiner Zellen festhielt, meine Wohnung geplündert, nachdem er die Haustür aufgebrochen hatte,  und mehrere Buchmanuskripte mitgenommen, die ich gerade zur Veröffentlichung vorbereitet hatte.  Und die Spitze der Dreistigkeit ist, dass meine Klage, die ich wegen seiner unbeschreiblichen Übergriffe gegen ihn eingereicht hatte, von seinen Vorgesetzten schlicht und einfach ad acta gelegt wurde, allem Anschein nach durch den Verteidigungsminister meines Landes, der sich auf diese höchst skandalöse und niederträchtige Weise an die Stelle des Justizministers setzte. Wie soll man ihn von da an nicht als den wahren Auftraggeber jenes den Gesetzen abholden Folterobersten ansehen – eines regelrechten Geheimschergen – oder jedenfalls als seinen mächtigen Beschützer?

Ich bin unendlich dankbar, dass Sie mir diesen Preis verleihen, der, davon bin ich zutiefst überzeugt, viel dazu beitragen wird, nicht nur den Intellektuellen meines Landes ein bisschen mehr Sicherheit zu geben, sondern auch jenen aus den anderen Ländern Afrikas, die immer noch für ihre Gedanken und Schriften verfolgt werden.

Nichts wird den Marsch der Völker dieser Welt in Richtung Freiheit aufhalten, dies ist meine tiefe Überzeugung.

Enoh Meyomesse.