Denn es steht geschrieben

… und ER sagte:
„Wem die Macht gegeben ist,
der soll sie nie gebrauchen wie es ihm gefällt,
sondern so, wie es denen gefällt,
die ihm die Macht gegeben hatten.“

Denn es steht geschrieben:
„ER ist mächtig und weise.“

Doch er hörte nicht SEINE Worte
und er erinnerte sich nicht,
dass auch geschrieben steht:

„ER erschafft, was ER will.
Und ER hat Macht zu allen Dingen.“

Er aber dachte sich allmächtig
und er tat, wie es ihm gefiel und seinen Getreuen
und auch, wenn er sich oft auf IHN berief,
so vergaß er doch:

„Alle Macht gehört IHM.“

Und so gingen sie auf die Straße
und sie schrien an wider das Unrecht
das ihnen zugefügt wurde von ihm,
dem sie ihre Stimme gegeben hatten,
den sie ermächtigt hatten, sie zu regieren,
und der diese Macht nun so schändlich missbrauchte.

Sie erhoben sich in den Basaren in Eminönü, Kumkapi und Fatih
und tanzten hinauf durch Galata auf den Taksim.
Sie nahmen den Weg aus Esenler, Esenyurt und Silivri,
aus Zeytinburnu, Güngören und Bahçelievler,
aus Bağcılar, Bakırköy und dem Başakşehir
aus Gaziosmanpaşa, Bayrampaşa und Avcılar,
aus Küçükçekmece, Büyükçekmece und Çatalca,
aus Arnavutköy, Karaköy, und dem Winkel des Horns,
dem vielbesungenen Eyüp,
und die Besorgnis trieb sie hin zum Taksim.
Sie standen auf in Beyoğlu, Şişli und Beşiktaş,
in Ortaköy, Bebek und Rumeli Kavagi,
in Sarıyer, Kâğıthane und Rumeli Hısari
und die Angst wies ihnen den Weg durch Mačka nach Taksim.
Sie schifften sich ein über den Schlund namens Boğaz,
diese Ochsenfurt des Bosporus, denn sie zogen
von Üsküdar, Kadıköy und Ataşehir,
von Ümraniye, Beykoz und Anadolu Hısari,
von Maltepe, Kartal und Pendik,
von Tuzla und selbst von Adalar, den Prinzeninseln,
und die Wut trieb sie empor
durch den Gezı Park
auf den Taksim.

Und er, der ihr Vertrauen gehabt hatte,
den viele von ihnen beinahe wie Atatürk, den Vater der Türken, geliebt hatten
dem sie ihr Land anvertraut hatten,
den sie gewählt und ihm die Macht gegeben hatten,
auch wenn sie nicht immer einer Meinung mit ihm gewesen waren,
er, der den Einfluss des Militärs gebrochen hatte,
weil er dachte, dass es anders geschrieben stand,
er fühlte seine unumschränkte Autorität gefährdet
und er war verwirrt und wusste nicht weiter
und er verkündete bloß das Ende der Toleranz
und er ließ auf sie schießen
und er sah seine Landsleute im Blut.

Doch es steht geschrieben:
„Und du darfst nicht meinen, dass ER das, was die Ungerechten tun, unbeachtet lässt.“

Und alsbald war zu sehen:
Taksim ist überall,
auch in Ankara, İzmir und Bursa,
auch in Adana, Kayseri und dem schönen Antalya,
auch in Mersin, Eskişehir und der Heimat aller Baklavas, Gaziantep,
auch in Samsun, Denizli und bei den Derwischen in Konya,
auch in Trabzon, Kütahya und dem uralten Antakya,
auch in İskenderun, Mercin und der Heimat Abrahams, Şanlıurfa,
auch in Malatya, Erzurum und dem stolzen Diyarbakır,
auch in Denizli, Van und Elazığ,
auch in Kırıkkale, Edirne und dem sonst so ruhigen Alanya,
auch in Ceyhan, Rize und dem touristischen Pamukkale.

„Da sandte ER über diejenigen, die Unrecht taten,
ein Zorngericht vom Himmel herab
dafür, dass er frevelte.“

Und so schrie lauthals die Stille,
und so erhoben jählings sich die Berge
und so brannte hellauf das Wasser,
denn es steht geschrieben:

„Und ER ist mächtig und übt Rache.
ER vergibt, wem ER will,
und ER peinigt, wen ER will.
Denn nur ER hat Macht zu allen Dingen.“

by

Gerhard Blaboll

(Austria)


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