Zum WELTTAG des Buches am 23. April

Zwei Lichtgestalten der Literatur, MCS, 69, Spanier und WS, 52, Brite traten am 23. April 1616, zwei Jahre bevor der Dreißigjährige Krieg halb Europa ins Elend stürzte, in den Club der Toten Dichter ein. Im Resonanzraum der stillen Lektüre, der Bühne und einer stetig wachsenden Leserschar wirken ihre Werke fort. Don Quixote und King Lear als rätselhafte Fundstücke in Druckerschwärze fixiert, über Jahrhunderte dem Vergessen entrissen.

Dass Miguel de Cervantes und William Shakespeare nahezu zeitgleich, im selben Jahr am selben Tag ihr Leben aushauchten, war vor zwanzig Jahren ein Anstoß, den 23. April als den Welttag des Buches auszurufen.

In der Zeitung Die Welt gibt es eine Rubrik Punkt für Punkt. Darin wurden Ende April 2014 einige Anregungen aufgelistet, wie der Welttag des Buches zu begehen sei, ohne ihm Hohn zu sprechen: keine öffentlichen Lesungen, denn wahres Lesen ist eine stille und einsame Beschäftigung; keine Buch- und Leseempfehlungen von Prominenten; keine Reklame, denn jede Werbung ist Lüge und der Welttag des Buches soll anders begangen werden als der Valentinstag; keine Rede von Geld, denn Shoppen und Lesen vertragen sich schlecht; keine Leseförderung, denn Lesen, das seinen Namen verdient, lockt Bewusstheit und Empathie hervor, und diese sind zwei maßgebliche Risikofaktoren für den Absturz von der Karriereleiter; keine Arbeit am 23. April, Feiertag also, um sich ungestört dem Lesen hingeben zu können.

Laut Statistik Austria erscheinen in Österreich jährlich etwa 10.000 Bücher, knapp ein Drittel davon entfallen auf das Fachgebiet Sozialwissenschaften, jeweils ein Zehntel auf Medizin/ Technik/angewandte Wissenschaften und deutsche Literatur. 200 von 10.000, also 2%, entfallen auf Naturwissenschaft/Mathematik, 20 Neuerscheinungen, also 2‰, auf allgemeine Geschichte und 2, also 0,2‰, auf afrikanische Geschichte.
Diese Zahlen belegen, dass mehr als die Hälfte des Bücherbergs, der nicht nur in unseren Breiten unablässig wächst, der Veröffentlichung sozialwissenschaftlicher, technischer, medizinischer und literarischer Arbeiten geschuldet ist. Was hier von wem mit welcher Absicht und in welcher Qualität der Öffentlichkeit unterbreitet wird, kann nur durch sorgfältige Lektüre herausgefunden werden. Skeptisches Caveat: Um 5.000 Bücher mittleren Umfangs zu lesen, bedarf es – emsige und Lesetätigkeit über Jahrzehnte vorausgesetzt – zweier Menschenleben. Und noch ein Caveat, das Leser und die schreibende Zunft stutzig machen sollte: Die graphische Materialisierung geistiger Inhalte als robustes Werkzeug anzusehen für den Erhalt, die Überlieferung und die Verbreitung von menschenfreundlichen Beobachtungen und Erkenntnissen, ist in vielerlei Hinsicht problematisch, gewährleisteten doch Gedächtniskulturen durch die strikt mündliche Weitergabe vitaler Geheimnisse und eben nicht durch deren missbrauchsanfällige Aufzeichnung das Überlebend der Menschheit über mehrere Jahrtausende. Was in Büchern steht kann jeder, insbesondere jedoch der Macht- und Profithungrige mit hässlichen Hintergedanken für seine Zwecke benutzen. Die Aufklärung frisst bei Bedarf nicht nur ihre Kinder, sondern in der Dämmerung der Geldzeit mit kannibalischem Appetit auch sich selbst. Angestachelt und verlockt durch Statusgewinn und finanzielle Abgeltung von oben entpuppen sich harmlose Bücherwürmer schwuppdiwupp als hochgefährliche Giftschlangen. Ehemalige Bundeskanzler als geldgierige Berater von Großkonzernen und korrupten Regimen, Hassprediger mit dem Finger auf Gottes von Menschen aufgezeichnete Wort pochend und High Frequency Traders skrupellos auf die Buchstaben, mit deren Hilfe Mathematiker algorithmisch niederlegen, wie ganze Länder sozial ausgebeint werden können.

Im Gegensatz zum Buch als Knebel und Waffe gibt es erfreulicherweise immer noch, immer mehr und von Wohlmeinenden in vollen Zügen genießbar Garten-, Koch- und Kinderbücher, zauberhafte Partituren im Folioformat, ersprießliche Spielanleitungen, Gedichte, die uns sanft daran erinnern, unsere Tage mögen wie Blumen sein, fein gearbeitete Sprachgebilde über die Wagestücke Sancho Pansas und die Sehnsüchte von Prosperos Tochter Miranda.

Die Freiheit des Worts impliziert nicht die Willkür von Magnaten und Bonzen. Dieser scheinbar einfachen These am richtigen Ort mit dem richtigen Wort zum Durchbruch zu verhelfen, sieht P.E.N. Österreich anlässlich des Welttags des Buches als eine seiner Aufgaben an. Dazu gehört auch, so manches zu ignorieren, was selbstgefällig durch den öffentlichen Raum schwirrt, gurrt und trompetet und anderem, welches unverblümt blöd und massenhaft sterben machen möchte, unverrückbar die Stirn zu bieten. Tragfähiges, Wertvolles, Inspirierendes, Verspieltes, Lebensfreundliches sind empfindliche Pflänzchen und gedeihen oftmals am besten im Stillen. Im Stillen wirken sanfte Gesetze, denen zu folgen nicht nur Adalbert Stifter, sondern jedem von uns, die wir uns in der Weltrisikogesellschaft mit organisierter Verantwortungslosigkeit konfrontiert sehen, schwerfällt. Im Stillen sind und werden auch Bücher am besten aufgehoben.

(Dr.  Harald Kollegger, Vizepräsident des Österr. PEN-Clubs)
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