Ist es zynisch sich zu erinnern? Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Jänner

Robert Streibel

Wer A sagt muss auch B sagen. Wir Gedenken der Befreiung von Auschwitz, ein Synonym für die industrielle Massenvernichtung der Juden und der geplanten Tötung von Roma, Sinti, von Menschen mit Behinderung, von… Die Liste ist so lang wie das Alphabet. Am 27. Jänner ist B, B wie Befreiung an der Reihe und dabei dürfen wir nicht den Anfang vergessen, den Antisemitismus. Auf A folgt B, im Alphabet. Und in der Erinnerungsrechnung? In den politischen Entwicklungen gibt es keine zwangsläufigen Gesetzmäßigkeiten. Das heißt es gibt Abzweigungsmöglichkeiten, Entscheidungsspielräume, Handlungsvarianten. Wer A sagt muss nicht B meinen. Das ist keine Entschuldigung für Rassismus. H&C kommen später im Alphabet.

Ist es zynisch sich zu erinnern, in einer Zeit, in der die Brutalität und die Menschenverachtung wieder Fahrt aufnimmt Richtung Abgrund? Lenkt Erinnerung nicht ab von der Gegenwart? Das Lernen aus der Geschichte ist so wirkungslos wie das Unterrichtsprinzip politische Bildung. Wer A sagt muss auch B sagen. Wir betrachten die Geschichte von ihrem Ende. Am Anfang stand die Weigerung aller Länder die verfolgten Jüdinnen und Juden aufzunehmen. Zurückgeschickt in den sicheren Tod. Wie hieß doch das Schiff? Richtig: St.  Louis. 1.000 Jüdinnen und Juden wurde die Einreise in die USA verweigert. Und wie war doch der Name der Konferenz im Juli 1938: Evian: Die Aufnahmebereitschaft der Länder für Verfolgte hielt sich in engen Grenzen. Das war ein mörderischer Anfang der Herzlosigkeit und der Mitschuld. Unvergessen soll dies sein.

Geschichte wiederholt sich nicht. Vergleiche sind nicht angebracht. Aber auch die Diskussion über Quoten hat Geschichte. Wichtiger als die Erinnerung ist das Bemühen, alles zu unternehmen, damit unsere Gegenwart nicht eine Geschichte wird, für die wir uns schämen müssen.

 

Robert Streibel, Mitglied des PEN Club, Historiker, Direktor der VHS Hietzing. Zuletzt erschien der Roman „April in Stein“ über das Massaker an Häftlingen am 6. April 1945 in Stein an der Donau.