Gedanken zum Tag der Poesie

von Dorothea Nürnberg

“Gedichte gehen über Grenzen, von denen man nicht weiss, ob man sie überqueren kann.“ Brigitte Oleschinski

Von Grenzen und deren Überschreitung ist oft die Rede, nicht nur in Hinblick auf Flüchtlinge, Vertriebene, Entwurzelte. HeimatSuchende.
Grenzen überschreiten, Begrenzungen aufheben, das Denken, Wissen weiten. …Konditionierungen des Bewusstseins aufheben … die Spurrillen im Gehirn neu gestalten, verändern … Persönlichkeitsgrenzen öffnen, sich wiederfinden, neu erfinden.
Das Ziel aller Bewusstseinsforscher, Wissenschafter, Psychologen, Philosophen. Sozial tätiger Menschen. KünstlerInnen. SchriftstellerInnen. LyrikerInnen.

Lyrik. Ein ideales Medium für Grenzüberschreitungen aller Art.
Poesie ist Botschaft, nicht nur durch Inhalt, auch durch Form.
Der Inhalt ist die Form.
Lyrik öffnet das Wort, entgrenzt die Vorstellung.
Verzaubert, entfremdet, befremdet, verstört.
Trifft.
Un/mittelbar.
Ins Herz.

Das Bedeutungs-genormte Wort entpuppt sich in lyrischer Gestalt als vogelfrei. Schüttelt den prosaischen Wortsinn aus dem Gefieder, erobert poetische Freiheiten, entgrenzt sich, landet an neuen Ufern, lässt die Sinnbegrenzung hinter sich.

Neuland. Bedeutungsassoziation. Ein Blick ins Zentrum. Erfassen einer Wirklichkeit, die das Wort übersteigt.
„Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt
begrenzt Ludwig Wittgenstein unseren Erfahrungshorizont.
Lyrische Vertiefung, Entgrenzung einer Assoziation und deren Überschreitung. Und plötzlich ist das Wort weg. Entschwunden. Wegweiser zu einer Erfahrung, die das Wort transzendiert. Sich nicht mehr mit Worten einfangen lässt.
Weiter, höher, größer. Entgrenzt.

“Gedichte gehen über Grenzen, von denen man nicht weiss, ob man sie überqueren kann.“

Betrachtung – und die dem eigenen Erfahrungshorizont entspringende, durch den eigenen Erfahrungshorizont begrenzte Assoziation.
Sprachlos über dem Wort.
Mitten drin.
Durchbruch.

Ein Hohelied auf das Poetisch/Lyrische und dessen Tiefe.
Seine Kraft, zu ver/wandeln, verzaubern, verstören, befremden.
Begrenzungen zu entwenden.

Fühlen, denken, handeln wir lyrisch, nicht nur am Tag der Poesie.
Entgrenzen wir unseren Horizont, unsere Vorstellungen, unsere Urteile.
Unsere Empfindsamkeit.

“Gedichte gehen durch eine verspiegelte, verglaste Nacht
und verlieren unsere Vergangenheit
in bunten Scherben hinter sich.” Jorge Luis Borges

Verlorene, gespiegelte, veränderte Realität.
Gedichte werfen Schatten. Und neues Licht.
Lyrik rüttelt an unserer Wahrnehmung, zerreißt den Schleier, der uns von neuen Facetten der unzähligen Facetten der Wirklichkeit/en trennt.
Lyrik öffnet, weitet, erhebt. Sensibilisiert. Kunstvoll.
EntStört.

Nur
aber nie ein Glück
das keine Katastrophe ist.
Nur Sense.

                         VORSICHT.  Felix Philipp Ingold

VerStört.
Leben, denken, fühlen, handeln wir lyrisch, poetisch in freien Versen oder Reim. Überlassen wir uns gefährlich lodernden Feuern.
Wagen wir den Sprung ins Ungedachte, noch nie Gefühlte, Gewagte,
dem Wort Enthobene, ins Wort Gelachte.
Geweinte.
Geliebte.
Verstummte.
Verleihen wir der Welt einen neuen, lyrischen Klang.

Nur
aber nie ein Glück
das keine Katastrophe ist.
Nur Sense.

                    VORSICHT.  

 

 

 

 

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