Anmerkungen zum Kommentar von Elfriede Jelinek über die Untätigkeit des PEN

Die Auseinandersetzungen rund um Elfriede Jelineks Äußerung, sie höre nichts von „ihren“ (Schriftsteller-)Vereinigungen und die angefügte Vermutung, dass sie „vielleicht […| derzeit ja im Gefängnis ihrer Badehosen oder Bikinis an irgendeinem Strand“ festsäßen, entbehren gewissen Reizen nicht. Schriftstellervereinigungen in Badehosen und Bikinis lädt zu Assoziationen ein, die hier nicht weiter auszuführen sind. 

Interessanter ist die Frage: Welche sind jene Vereinigungen, die sie als die „meinen“ benennen könnte? Der Österreichische PEN ist es nicht. Leider. Wenn Frau Jelinek ihre prominente Stimme verfolgten Autorinnen und Autoren leihen wollte, gerne und bereitwillig hülfen wir ihr dabei, weil es so viel zu tun gibt. Außerdem hat sie in der Vergangenheit immer wieder an wichtiger und richtiger Stelle eindeutig Partei ergriffen. Die Auswahl an Hilfsmöglichkeiten ist groß und reicht, um einen alphabetischen Reigen grob anzudeuten, der Kontinente überschreitet, von Aserbeidschan bis Zimbabwe.

Wer sich erinnern will, weiß, dass Aserbeidschan schon den Vorsitz im Europarat innehatte. Dies ist eine Institution, die sich der Achtung der demokratischer Rechte verpflichtet fühlt. Der Präsident Aliyev, autoritär regierender Sohn seines Vaters, einem mächtigen Mann in der aserbeidschanischen KPdSU und ebenfalls autoritär herrschend, gewann 2013 die Wahlen, die ihrem Ergebnis nach, an den realen Sozialismus gemahnen: 84,5 Prozent. Die Kritik am Regime beeindruckt Aliyev wenig. Die Opposition fristet ein Schattendasein und ist starken Repressalien ausgesetzt. Von rund 100 politischen Häftlingen sprechen unabhängige Menschenrechtsgruppen, die EU von 27 Personen. Zahlreiche Möglichkeiten böte auch Zimbabwe. Die Unterstützung einzelner Menschenrechtsaktivisten wäre ebenso erwünscht wie die Hilfe von Gruppen, die sich gegen die verbreitete Praxis des Landraub engagieren.

Das sei an dieser Stelle angemerkt, um all jenen Kritikerinnen und Kritikern anzudeuten, die Welt flächendeckend zu beobachten und überall gleichzeitig helfend einzugreifen oder wenigstens medial unterstützend zur Seite zu stehen, bleibt trotz aller an Selbstausbeutung gehenden Bemühungen eine Unmöglichkeit.

Die Türkei steht seit Jahrzehnten auf der „To-Do-Liste“ hoch oben. Dies ist nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, dass viele Türkinnen und Türken zu unser aller Landsleuten geworden sind. Den Vorwurf zu erheben, seit dem Tag des Putschversuchs am 13. VII. 2016 sei irgendein PEN-Zentrum oder gar PEN International in Schweigen oder Schockstarre versunken, kann nur auf Unkenntnis oder Irrtum beruhen. Beides nicht die günstigsten Voraussetzungen öffentlich mit dem Gestus der enttäuschten und wissenden Mahnerin aufzutreten. Das Ergebnis ist, dass in den verschiedenen Medien (Print, Fernsehen und Internet-Foren) sehr zeitaufwändig Widersprüche geäußert und Richtigstellungen vorgenommen werden müssen.

Dass in Zeiten der Menschenjagd die namentliche Nennung von gefährdeten Personen diese noch mehr gefährden kann, weiß jeder, der sich ein wenig um verfolgte Autorinnen und Autoren gekümmert hat. Dies gilt auch für die Türkei. Elfriede Jelinek nennt ungehemmt Namen. Verantwortungsbewusstes Handeln sähe anders aus.

Ärgerlich ist, dass eine Qualitätszeitung wie „Der Standard“ ungeprüft und unkommentiert solche Beiträge veröffentlicht. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, anderen in ihrem Engagement zu schaden, indem man Unwahrheiten verbreitet. Ebenso ärgerlich ist, dass andere Qualitätszeitungen, ohne recherchiert  zu haben, das Falsche nachdrucken.

Als besonders ekelerregend aber ist das Verhalten all jener zu charakterisieren, die sich kaum oder noch nie an einer Solidaritätsaktion für an Leib und Leben bedrohten Schriftstellerinnen und Schriftstellern beteiligt haben und die sich – wie Jelinek – nicht erkundigt haben, welche Hilfsmaßnahmen gesetzt werden, aber unbekümmert posten und mit ihren Wortspenden die gewissenhafte und ernste Arbeit der PEN-Zentren in Deutschland, in der Schweiz und Österreich sowie den anderen Ländern beschimpfen und heruntermachen.

Helmuth A. Niederle
Präsident PEN Austria

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