Der gescheiterte Scheiterhaufen

von Kurt F. Svatek

Das Gehirn hat heutzutage längst schon manche Funktion an elektronische Helfer übertragen. So ist es für einen, der das Haus verlässt, vielleicht fast schon ratsamer, daheim das Hirn statt des Smartphones zu vergessen. Was dem Anschein nach auch viele tun.

Aber das Ausschalten oder gar nicht Einschalten des Denkens hat auch schon lang vor dem elektronischen Zeitalter bestens funktioniert. Wie wäre es sonst zu allen Zeiten möglich gewesen, etwas zu verbrennen, das besonders früher einmal ausgesprochen kompliziert, aufwendig und mühsam herzustellen war, nämlich Bücher.

Wobei sich der Abscheu nicht so sehr gegen das Druckwerk als solches als gegen die Materialisierung von etwas geistig Immateriellen richtet. Die Zündler wollten aus ihrer moralisch, politisch oder religiös intolerant fokussierten Weltanschauung heraus nur nicht, dass bestimmte Ideen für die Gesellschaft erhalten oder in ihr verbreitet werden. Hass ist eben immer destruktiv.
Die öffentliche Hinrichtung von Büchern, die uns bekannteste erfolgte am 10. Mai 1933, beginnend auf dem Opernplatz in Berlin, der sich auf über zwanzig Universitätsstädte ausdehnte, war allerdings keine Erfindung der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft. Der Brauch, Schriften demonstrativ zu zerstören, ist wohl so alt, wie es Aufzeichnungen gibt. Die erste Verbrennung von missliebigen philosophischen Schriften wird bereits aus dem Jahr 213 vor unserer Zeit auf Befehl des chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi berichtet. Nach dem Wirken des Apostels Paulus in Ephesos um das Jahr 50 trugen bekehrte Magier ihre Bücher zusammen und verbrannten sie. Der römische Kaiser Diokletian ließ seinerseits rund 250 Jahre später in Konstantinopel die Schriften der Christen in Feuer aufgehen. Im Zug der Bekehrung in Europa wurden ab dem 4. Jahrhundert immer wieder vorchristliche Zauberbücher verbrannt. Bücherverbrennungen waren im ausgehenden Römischen Reich und während des gesamten Mittelalters auf Befehl von Kaisern, Königen, Päpsten, Bischöfen, Missionaren, Kalifen, Mongolenfürsten oder Studenten bis hin nach Indien auf der Tagesordnung. Auch die Zerstörung der Tochterbibliothek der antiken Bibliothek von Alexandria im Serapeion im Jahr 391 mit immerhin noch rund 40.000 Schriftrollen geschah aus politisch-religiösen Gründen unter Verantwortung des römischen Kaisers Theodosius. Auf dem Gelände wurde dann eine christliche Kirche erbaut.

Zu einem Scheiterhaufen geschichtet wurden die Bücher erstmalig 1242 bei der Pariser Talmudverbrennung, bei der sämtliche damals in Frankreich, England und Portugal konfiszierten jüdischen Schriften verbrannt wurden. 1497 brannten die Werke des Ovid und Boccaccios Decamerone in Florenz.

Reformation und Gegenreformation ließen gegenseitig die Bücher der jeweils anderen in Flammen aufgehen. Die Bücher der Maya wurden im 16. Jahrhundert ein Opfer der Flammen. Während der Zeit der Inquisition wurden nicht nur die Bücher, sondern oft auch die AutorInnen mit angezündet.

Beispiele über Beispiele ließen sich aus allen Epochen weiter verfolgen. Am Rande des Wartburgfestes fielen am 18. Oktober 1817 etwa die Werke des August von Kotzebue oder der Code Napoléon zum Opfer. Die Liste der verbannten Bücher von 1933 ist ellenlang. Autoren von Alfred Döblin, Alfred Polgar, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann bis Stefan und Arnold Zweig, Kurt Tucholsky, Jaroslav Hašek, Bertha von Suttner, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud oder Erich Kästner, der dabei sogar selbst zusah, waren darunter.

Nur eine Heilung durch dieses abschreckende Ereignis erfolgte nicht. Ab den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts brannten Bücher des Psychoanalytikers Wilhelm Reich in den USA sogar auf richterliche Anordnung; jene von Günther Grass, Erich Kästner und Vladimir Nabokov in Düsseldorf, Salman Rushdie durch Muslime, Gabriel García Márquez in Valparaíso in Chile auf Befehl von Diktator Augusto Pinochet. 2001 wurden unter anderen „Harry Potter“ und „Pinocchio“ in Pittsburgh während eines „book-burning – Gottesdienstes“ exekutiert. 2005 entgingen in der Türkei Bücher des späteren Nobelpreisträgers Orhan Pamuk nur knapp der Vernichtung. 2006 loderte das Tagebuch der Anna Frank in Sachsen-Anhalt. Auch Bibeln und Koranschriften fielen im neuen Jahrhundert den Flammen zum Opfer, ja selbst japanische Mangas. Natürlich ist auch diese Aufzählung nicht annähernd vollständig und betrifft leider auch alle Teile der Welt, von Afghanistan und Ägypten über Kambodscha, Indonesien, Israel und China bis Sri Lanka. Allein in Frankreich waren in den ersten fünfzehn Jahren des neuen Jahrtausends 70 Bibliotheken Opfer von Aggressionen und Brandstiftungen.

Nur eines bedenken die In-die-Flammen-Werfer nicht, blasphemische, häretische, ketzerische, obszöne, unmoralische, aufrührerische oder hochverräterische Schriften lassen sich leicht verbrennen, die Ideen aber nicht. Diese Aufrichtung eines Scheiterhaufens dafür ist schon in der Vergangenheit letztlich stets gescheitert. Das ist das einzig Beruhigende.

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