Aus gegebenem Anlass

Eben hatte sich die Aufregung gelegt, weil ein einheimischer Politiker gefordert hatte, Asyl-Massenquartiere an den Stadtrand von Wien zu verlegen. Die Maßnahme sollte „diesen Migranten“ zeigen, „in Österreich ist es doch nicht so gemütlich, wie alle glauben.“ Es gibt Augenblicke, in denen man meint, sich verhört zu haben. Dies widerfuhr mir erneut, als sich der österreichische Innenminister dafür aussprach, Asylwerber „konzentriert“ in Grundversorgungszentren unterzubringen. „Es ist nur ein Begriff, diese Grundversorgungszentren, für eine entsprechende Infrastruktur, wo es uns

gelingt, diejenigen, die in ein Asylverfahren eintreten, auch entsprechend konzentriert an einem Ort zu halten, weil es unser gemeinsames Interesse sein muss, sehr, sehr schnell zu einem entsprechenden Ergebnis auch zu kommen“, sagte Kickl. Der nächste Begriff, der mich in diesem Zusammenhang umgehend irritierte, war „halten“. Bisher war ich stets der Meinung, gehalten werden Tiere, Menschen werden untergebracht. Mag sein, dass Kickl tatsächlich keine Nähe zur Begrifflichkeit des, wie er später erklärend ausführte, „verabscheuungswürdigen NS-Verbrecherregimes“ wollte. Doch leider steht neben „konzentriert“ das zunächst unauffälligere Wort „halten“, das allerdings eindeutig in die Richtung der Dehumanisierung von Menschen weist. Dieser Vorgang der Entmenschlichung durch das Wort ist so oft beschrieben worden, dass man sich darauf beschränken kann, an ihn zu erinnern. Erwarten darf man, dass keine/r der Ministerinnen oder Minister sich klar und deutlich für die Fehlleistung entschuldigen und auch kein Vertreter der Regierungsparteien unmissverständliche Worte finden wird, die eine Art Seuchenteppich um solch einen verbalen Ausrutscher legen würden. Eher ist zu erwarten, dass von der Voraussetzung ausgegangen wird, bald schon werde des Innenministers Wort dem Vergessen anheimgefallen sein. Genauso wie die weltweiten Stimmen der Empörung.

Ärgerlich ist, dass der US-amerikanische Präsident arme Herkunftsländer von Einwanderern als „Drecksloch-Länder“ („Shithole-countries“) verunglimpft. Er meinte afrikanische Länder sowie El Salvador und Haiti. Angeblich soll der stilsichere Präsident auch noch gesagt haben: „Warum brauchen wir mehr Haitianer? Schmeißt sie raus.“ Lässt sich dies nicht als eine Bruderschaft des Geistes zwischen dem Herrn im Weißen Haus und den heimischen Politikern sehen? Der eine will gleich rausschmeißen und die anderen, weil es eben nicht anders geht, konzentriert in Massenquartieren halten.

Selbstverständlich besteht zwischen den Politikern von diesseits und jenseits des Atlantiks ein gewaltiger Unterschied. Der eine führt eine Weltmacht an, die an jedem Winkel dieser Welt ihren Interessen entsprechend eingreifen kann, die anderen sind nicht einmal von kontinentaler Bedeutung. Doch eines ist allen gemeinsam, sie verschließen durch ihre Wortspenden die Poren der Sensibilität für das Schicksal des einzelnen Menschen, verstopfen die Ohren und lassen den Einzelschicksalen keinen Raum für die Wahrnehmung.

Ein einziges Beispiel vermag dies zu verdeutlichen: Vor wenigen Tagen verhängte ein Sondergericht in Sanaa, Jemen in diesem noch so neuen Jahr ein Todesurteil gegen Hamid Bin Haydara, einen Bahá’í, der bereits seit vier Jahren aufgrund seines Glaubens inhaftiert ist. Das Todesurteil, das in einem von groben Mängeln und Folter gezeichneten Verfahren erfolgt ist, soll öffentlich vollstreckt werden; ein Zeitpunkt dafür wurde noch nicht bekannt gegeben. Zum ersten Mal in der Geschichte des Jemens wurde ein Todesurteil allein wegen der religiösen Zugehörigkeit gefällt, was diesen Fall zum Höhepunkt der religiös motivierten Gewalt im Jemen macht.

Seit Beginn des bewaffneten Konflikts hat sich im Jemen die Bedrohungslage für religiöse Minderheiten wie Christen, Bahá’í und andere Gruppen stark verschlechtert. Hinter jedem einzelnen dieser Fälle steht ein betroffener, ein leidender Mensch, der medial meist übersehen wird, sodass er leicht ermordet werden kann, ohne jemals wahrgenommen zu werden; dafür beherrschen die groben Klötze und Keile von Politikerinnen und Politikern die Schlagzeilen. Sollte man nicht, um ein wenig darauf hinzuweisen, wie rasch ein Mensch sein Leben verlieren kann, wenn er die „falsche“ Religion, ethnische Zugehörigkeit oder Hautfarbe hat, in den Tageszeitungen eine kleine Spalte neben der Schlagzeile einrichten, um auf einen einzelnen Betroffenen aufmerksam zu machen? Solche Menschen brauchen keine Haltung im Massenquartier, sondern handlungsorientierte Zuwendung, man nennt sie auch Nächstenliebe.

Helmuth A. Niederle

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