Was sprachlos machen sollte – Anmerkungen zum März 1938

von Kurt F. Svatek

Ganz schlimm muss es uns nachträglich erscheinen, wenn Menschen, deren Beruf oder sogar Berufung mit der Sprache zu tun hatte, ihr eigenes Metier nicht durchschauen konnten oder vielleicht auch gar nicht durchschauen wollten, Floskeln nicht entlarvten, das Zweideutige und Bestialische hinter der Banalität von Aussagen nicht erkannten oder durch sprachliche Aggressionen nicht hellhörig wurden. Namen großer Schauspieler und Schauspielerinnen fallen einem da ein, aber auch so mancher Dichter.

Der österreichische Staatspreis für Literatur wurde im vorigen Jahrhundert beispielsweise auch an Karl Heinrich Waggerl, Josef Friedrich Perkonig, Josef Wenter vor dem Zweiten Weltkrieg und an Max Mell, Franz Nabl und Franz Karl Ginzkey bald nachher verliehen. Was die Sechs gemeinsam hatten? Kaum Literarisches, sie waren alle Nazis.

Schon 1928 gab es in Wien einen Deutschen Kulturbund, einen Ableger des Kampfbundes für Deutsche Kultur. Der stellvertretende Vorsitzende, Mirko Jelusich ließ sich schon lang vor 1938 für den Fall der Machtergreifung als Direktor des Burgtheaters vormerken, was er dann auch tatsächlich wurde. Josef Weinheber rühmte sich, schon illegales Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Heimito von Doderer betrieb 1938 energisch die Scheidung von seiner getrennt lebenden, katholisch getauften jüdischen Ehefrau, bereute seine Mitgliedschaft bei der Partei aber zumindest später. Enrica von Handel-Mazzetti und Karl Schönherr votierten für die Politik des „Volkskanzlers Adolf Hitler“.

Hermann Heinz Ortner oder Friedrich Schreyvogl waren wiederum fest entschlossen, den durch die Ausschaltung der jüdischen Schriftsteller frei gewordenen Raum zu besetzen. Sechs Wochen bevor Schreyvogl vom österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg mit dem Österreichischen Verdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet wurde, bot er Berlin an, zwei Listen zu liefern: eine der jüdischen Autoren Österreichs und eine der so genannten deutschblütigen.

Aber auch andere nationale und klerikale Schriftsteller beteiligten sich am Verdrängungsprozess. Das gute Geschäft machte nämlich kein schlechtes Gewissen. Nach dem Anschluss verdiente so mancher den Nazis nahestehende Autor das Zwanzigfache von früher. Der Mensch möchte sich zwar als Engel unter Engeln sehen oder gar als Gott unter Göttern und ist doch nur ein Wolf unter Wölfen oder ein Piranha unter Piranhas.

Schreyvogl wurde übrigens nach dem Krieg zum stellvertretenden Direktor des Burgtheaters ernannt. Und fast alle der genannten Autoren, die während des Zweiten Weltkrieges ausgezeichnet verdienten, wurden auch nachher gedruckt und gelesen. Dazu gehörten auch Paula Grogger oder Gertrud Fussenegger, ebenfalls eine „Illegale“. Daran lässt sich die Kontinuität der österreichischen Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus hinweg schön darstellen. Man tat hierzulande, als ob es die Jahre zwischen 1938 und 1945 einfach nicht gegeben hätte. Nur Josef Weinheber nahm sich 1945 verzweifelt das Leben. Das Bundesministerium für Unterricht empfahl die Lektüre all dieser Autoren, die Schriftsteller wurden mit Ehrungen überhäuft. Und das von einem Staat, den sie einst ablehnten und bekämpften. Dadurch hat es sehr lang gedauert, bis die Literatur neue Töne anschlagen konnte und sich wieder darauf besann, dass es ihre Pflicht ist, Zusammenhänge, auch unangenehme, zu erkennen und auszusprechen.

Aber natürlich gelten all diese Vorhalte nicht nur für österreichische Schriftsteller. Als exemplarisches Beispiel aus Deutschland für politischen Wankelmut sei der Nobelpreisträger von 1912 Gerhart Hauptmann erwähnt. Zuerst Pazifist, 1914 glühender Befürworter des Ersten Weltkrieges, dann wieder Pazifist, in der Weimarer Republik Sozialdemokrat, dem sogar das Amt des Reichspräsidenten angetragen wurde, 1929 von Mussolini mehr als angetan, vor der Reichtagswahl 1930 den Nationalsozialisten reserviert gegenüberstehend, denkt er nachher schnell um und unterzeichnet 1933 endlich eine Loyalitätserklärung für das Hitlerregime. Trotz allem wurde sein Werk ausgerechnet in der Sowjetunion außerordentlich geschätzt. Es waren auch russische Offiziere, die 1946 alles daran setzten, ihm ein würdiges Begräbnis zu gestalten. Wie oft sich bis dahin der Wind gedreht hatte, ist kaum zu ermessen.

Während auf der deutschen Literatur nach Kriegsende dennoch sehr wohl der Druck lastete, moralisch zu sein, Identifikation nach dem Nationalsozialismus zu schaffen, schwierige Lebensläufe darzustellen, war die spätere österreichische Avantgarde, so ehrlich sie auch den Nationalsozialismus ablehnte und verurteilte, eher sprachanalytisch orientiert, zynisch, voll negativer Entwürfe, ohne sich selber den moralischen Druck aufzuerlegen, ein neues Österreich zu bauen.

Aber können formale Sprachexperimente, auch wenn sie weit über das Spiel hinausgehen, ja sogar Strukturen entlarven, einen moralischen Aufbau ersetzen?

Wer sich hierzulande ein wenig umsieht, oder besser gesagt umhört, dem tönt die Antwort ohnedies allerorts entgegen.

This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.