Die andere Seite der Globalisierung

Nun ist sie endlich in den Köpfen von uns allen angelangt: die andere Seite der Globalisierung. Die Pandemie des Covid-19 beherrscht uns. Täglich werden zwischen Albtraum und Vision eines Neubeginns Szenarien geistig durchgespielt, weltweit und in allen Generationen. Mancher mag meinen, das literarische Wort, in welchem Sprachgenauigkeit die Erkenntnis durch Verstand und Gemüt gleichermaßen fördert, verstumme vor der Inflation national-politischer Krisenmanagementparolen, notwendiger, doch oft widersprüchlicher wissenschaftlicher Statements, belangloser Straßeninterviews und medialen Nabelschau-Raunens …

Doch dieser Eindruck ist falsch, darf nie anderes als falsch sein. Der Österreichische PEN veröffentlicht hier zwei Texte, die weit mehr als zufällige Samples sind. Sie spannen nicht nur die Schere zwischen den beiden Szenario-Polen, sondern auch zwischen West- und Ostösterreich und vor allem zwischen denen, die schon viel erlebt und gestaltet haben, und jenen, die noch viel erleben und gestalten wollen und müssen. Hugo J. Bonatti, 1933 in Innsbruck geboren, hat seinen Wohnsitz in Kitzbühel; Eleonora Bögl, Jahrgang 1994, lebt in Wien. H.J. Bonattis Text beeindruckt durch vieles, zu allererst durch seine visionäre Kraft: Er wurde vor zehn Jahren verfasst! E. Bögl schrieb dieser Tage ein Manifest, das nach unmittelbarer Umsetzung ruft, weil es Verantwortung leidenschaftlich-präzise bemisst und neu verteilt.

Reinhart Hosch

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Hugo J. Bonatti

Das Virus

Ich hatte rein zufällig von dieser Sache gehört, besser über sie gelesen, in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift. Von einer neuartigen Mikrobe, einem, wie es hieß, „Phagen“ (einer sogenannten Fress-Zelle), war die Rede und von ihrer geradezu mit „Lichtgeschwindigkeit“ erfolgenden Vermehrung … Woher die Zelle gekommen, wie sie eingeschleppt worden sei bzw. welche Mutationen zu ihrer Existenz geführt hätten: unbekannt! Es müsse etwas sein, was sie radikal verändert hat, sodass die Frage berechtigt sei, ob es sich überhaupt um etwas handle, auf das die Bezeichnung „Virus“ zutreffe; unzweifelhaft aber sei die Apostrophierung als regelrechtes „Fressungeheuer“ gerechtfertigt. Für die Mikrobe gelten auch, hieß es weiter, nicht die üblichen Mikromaße, vielmehr sind in ihr Elemente unterhalb der Nano-Bereiche zusammengepfercht – vergleichbar den Köpfen von Samenzellen, in welchen ebenso, dichtest gepackt, die Chromosomen ineinander geschachtelt sind, und doch seien sie, die Samenzellen, gegen die angesprochene Mikrobe geradezu Riesen zu nennen. Es scheine praktisch aussichtslos, sie in den Griff zu bekommen. Alle antiseptischen Stoffe und Neutralisatoren, sämtliche Mittel, die in anderen Fällen, rechtzeitig eingesetzt, ein sanftes

Sich-zu-Tode-Wachsen zur Folge hätten, seien bisher wirkungslos geblieben, ja, es würde im Gegenteil eine radikale Wachstumsbeschleunigung provoziert. Man stehe vor einem gewaltigen Rätsel! Noch scheine das Virus zwar nicht die Oberhand gewonnen zu haben; aber es sei – Aussage bedeutender Virologen – nur eine Frage der Zeit, bis es sozusagen „explodierte“; die Folgen für die Menschheit, nein, die gesamte organische Welt: schlechthin verheerend. Dieser Mikroorganismus mache nämlich vor nichts Halt! Schon gebe es Hinweise darauf, dass selbst die anorganische Natur dessen Aggression ausgesetzt sei. Man habe es mit einem Phänomen zu tun, dessen ausschließliche Funktion Zerstörung und nochmals Zerstörung ist, bis es, wenn alles zu spät sei, an sich selbst zugrunde gehen würde. Es scheine, dass diese „Nano-Nano-Mikrobe“ auf Vernichtung von allem und jedem und eben auch von sich selbst programmiert, mit einer Art terroristischem Programm (durch Einschleusung von Killerverbindungen) versehen sei. Ja, es soll beobachtet worden sein, dass sie nicht als einzelne, wohl jedoch im Verband eine Art Vernichtungsbewußtsein zeige, welches sich mit jeder weiteren Zelle ins Uferlose verstärke.

Bleibt die Frage: Wer oder was, welche anonyme Macht hätte Interesse an dem allen und dazu das nötige nano-technische Wissen, ein derartiges Monster zu züchten und so zu programmieren, dass regelrechte Auflösung ins Nichts die Folge ist? Oder lebt sie, diese Mikrobe, letztlich in uns selbst. Ja, vielleicht sind wir tatsächlich nichts anderes als sie?! – Seltsame Assoziation, ich weiß; aber das eben ist’s: Es verfließt mir alles! Äußeres wird in das Innere projiziert, Inneres in das Außen …, Materie wird zu Geistigem und Geistiges zu Stoff … Da sind keine Unterschiede mehr – jedoch nur, um im Endeffekt ein völlig Neues, ein absolut Einheitliches zu bilden, um sich schließlich dem Göttlichen einzuverleiben …

Verrückt, verrückt, sag’ ich – im wahrsten Sinn des Wortes: ver-rückt! Wie soll da einer, wie soll ich bei solcher Verrücktheit der Gedankengänge zu dieser Un-Geschichte einen brauchbaren Schluss – Schluss?! – finden?

Anfang 2010

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Eleonora Bögl

Die Pandemie der Pandora: ein Manifest

Hier ist, wo die Geschichte beginnt.

Sie beginnt nicht mit einer Urne der Pandemie, die geöffnet wurde – und eine Urne war es, war es immer schon, auch wenn man nur zu gerne eine harmlosere Büchse daraus gemacht hätte. Sie beginnt auch nicht mit den Dingen, die dieser Urne entwichen: Angst, Krankheit, Einsamkeit, erdrückende Arbeitslosigkeit und niederdrückende Arbeit. Am schlimmsten von allen war wohl der allumfassende Verlust von Dingen, die vor dem Öffnen der Urne selbstverständlich schienen. Die Geschichte begann auch nicht in den Jahrzehnten vor dem Öffnen der Urne, in denen Strukturen aufgestellt wurden, die bis auf ein paar Querdenkende und kreative Köpfe niemals jemand so wirklich hinterfragte. Der Mensch gewöhnt sich an alles, wenn er genug Zeit hat, sagt man. Und tatsächlich gewöhnte man sich: an Arbeit, die mehr Stunden verschlang als Lebenszeit zurückgab. An Familien, die man hatte, weil es sich so gehörte und die einem das Leben unerträglich machten, wenn man gezwungen war, sich länger mit ihnen auseinanderzusetzen. An einen Trott, der sich ergab, Lebensziele, die nicht hinterfragt wurden, sozialen Kontakt, der selbstverständlich war. Man gewöhnte sich an ein System, von dem man entweder Teil war oder als außenstehend angesehen wurde. Man gewöhnte sich an eine Sprache, die jede Hinterfragung ihres Systems mit einem empörten Aufschrei beantwortete, und an die Unausweichlichkeit, die Unverrückbarkeit eines von Menschenhand geschaffenen Marktes. Die Welt war schon längst am Brennen, aber der Kongress tanzte.

Schon lange bevor die Urne der Pandemie geöffnet wurde, nahm man uns unsere Kindheit und unsere Träume. Der Kongress tanzte, bis den Tanzenden der Geruch des Brandes, der schon unsere Haut versengt hatte, in die Nasen stieg. Als die Großen der Welt zu handeln begannen, war es schon zu spät. Es waren bereits Generationen herangewachsen, die man nun nicht ernst nahm, weil sie nur Frieden erlebt hatten – was wussten diese jungen Gesichter von einem Krieg, was von Hunger und vom Leben? Warum brüllten sie sich die Kehlen wund, wenn es ihnen doch eigentlich gut ging? Warum wollten sie, die keine Wertschätzung für ihre Gegenwart kannten, so unbedingt eine Zukunft?

Es ist wichtig, über das Davor zu sprechen, denn nur so kann das Danach verstanden werden. Nur so kann man verstehen, dass für diese Generationen – meine Generation und jene danach – schon längst eine Urne geöffnet worden war. Sie kannten schon längst alles Übel, das aus dieser Urne der Ignoranz entwichen war: Angst, Krankheit, Einsamkeit, erdrückende Arbeitslosigkeit und niederdrückende Arbeit. Für sie brannte die Welt schon und sie verschlossen nicht die Augen davor. Sie kannten die Hoffnungslosigkeit auch vor der Pandemie, denn der Kongress hatte die Urne der Ignoranz vor dem Entweichen der Hoffnung geschlossen, um tanzen zu gehen. Aber diese Generationen – meine Generationen und jene danach – hatten auch gelernt, sich nicht alleine auf die Hoffnung zu verlassen. Hoffnung ist, was einen das Ufer vermuten lässt, während man im Sumpf steht. Hoffnung ist Warten darauf, dass ein Tropfen vor dem Verdursten rettet. Hoffen kann bequem machen und einem vorgaukeln, dass die Heilung von selbst kommt. Hoffnung ist deswegen immer nur das Bereitmachen vor dem ersten Schritt, nicht mehr. Für den Rest des Weges braucht es Willen, und es braucht Mut.

Die Geschichte beginnt nicht mit dem Mut von jungen Menschen, die sich gegen den Brand und die Angst stemmen und einander die Hände reichen, über Ländergrenzen und unterschiedliche Ansichten hinweg. Sie beginnt nicht mit diesen jungen Menschen, die alle auf ihre Art und Weise das Kämpfen gelernt haben, während die alten Generationen ihren eigenen Kampf nicht mehr erkennen können, sobald er neue Kleider trägt. Die Geschichte beginnt nicht damit, sie ist deswegen. Sie besteht aus denen, die Geschichten haben und sich durch nichts in ihrer Erzählung zum Stillstand bringen lassen.

Eine Pandemie ist kein Stillstand. Eine Pandemie ist nur eine Verlagerung des Kampfs von außen nach innen. Eine Pandemie ist das Öffnen von Augen, die zu lange geschlossen waren. Eine Pandemie ist eine Tragödie, und sie ist eine Chance, und sie ist eine Wunde, von der Narben zurückbleiben werden. Das Leben wird nicht mehr das gleiche sein wie zuvor. Das Leben davor ist nur noch durch die Erinnerung zugänglich, genauso wie nach dem Öffnen von Pandoras Urne im Zeitalter der Götter eine Wiederaufnahme des Davor nicht mehr möglich war. Plötzlich erkennt man sie in aller schmerzhafter Klarheit, die Löcher im System und die Brände der Welt, die künstliche Gemachtheit des Marktes und die Notwendigkeit einer gesunden Sozialstruktur. Die Worte der Propheten, denen man keinen Glauben schenkte: Plötzlich kann man nichts anderes mehr hören als diese Wahrheiten.

Zum Schlaf zurückzukehren ist unmöglich.

Was vorher so unhinterfragbar schien, war nichts als menschengemachte Illusion, und diese Illusion ist endgültig zerbrochen. Die Übel gab es schon vorher, aber jetzt nehmen diese Gespenster Gestalt an und werden nicht mehr nur von einigen wenigen gesehen, sondern von allen. Ja, Gespenster gehen um, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt, und wir haben sie zu lange ignoriert. Alle Menschen, die jetzt sterben, die jetzt leiden, die einsam sind und Angst haben: Das Davor hat sie auf dem Gewissen, weil es nie an das Danach gedacht hat, sondern immer nur an das Jetzt. Zu lange wurden Erde und Menschen ausgepresst, zu lange wurde Blut zu Gold gemacht. Alle Menschen, die ihre Liebsten begraben, alle Liebsten, die nicht mehr Mensch sind, alle Tränen und alle Verzweiflung: Ihr habt sie auf dem Gewissen. Ihr habt die Urnen der Ignoranz und Pandemie geschaffen und uns gezwungen, sie zu tragen, während ihr tanzen wart.

Es wäre so einfach, wütend zu sein, ausschließlich wütend. Es wäre so einfach, verzweifelt zu sein, so verzweifelt, dass man nie wieder aufsteht. Es wäre so einfach, sich der Einsamkeit hinzugeben und sich von der Welt abzukapseln. Doch unsere Generation ist eine Generation der Geisterseher. Wir haben früh gelernt, ihnen in die Augen zu sehen und deshalb sind wir stark. Die Welt zerfällt, aber wir haben immer schon zwischen Scherben gelebt. Wir kennen Angst. Wir kennen viele Arten von Leben und viele Arten von Sterben. Wir kennen keinen Wiederaufbau von Städten, aber wir kennen Löschversuche von Bränden. Wut, Verzweiflung und Einsamkeit ist längst nicht alles, was wir haben, denn vor allem haben wir Mut. Mutig ist nicht, wer furchtlos ist. Mutig ist, wer Furcht kennt und trotzdem handelt. Fürchten können wir uns nur vor dem, was wir nicht kennen – und es stimmt, dass es in diesen Zeiten so vieles gibt, was unbekannt und ungewiss ist.

Doch bekannt war uns die Krise. Gewiss war uns die Katastrophe.

Wir wollen nicht mehr in das Davor zurück. Das Davor war eine Welt, in der wir nichts anderes hören konnten als die immer lauter werdenden Alarmglocken. Es war nicht unsere Welt. Es war die Welt, in die wir geworfen wurden und in der von uns erwartet wurde, dass wir zurechtkamen – ohne Anleitung, ohne Hilfe beim Umgang mit einer brennenden Welt, die nur wir sehen wollten. Die Welt des Jetzt gehört uns, und die Welt des Danach wird noch mehr uns gehören. Die Urnen sind zerbrochen, die Deckel sind verbrannt. Was bleibt, sind wir. Wir entzünden die Hoffnung, bis sie zum Mut wird, der uns über die Furcht springen lässt. Wir fügen die Scherben der Welt wieder zusammen und schaffen damit eine Gesellschaft, die sich noch an ihre Brüche erinnert und trotzdem wieder atmen kann. Das Davor kann nur verstanden werden. Über das Danach müssen wir jetzt sprechen, damit wir ihm entgegen gehen können. Unsere Geschichten sind der Stoff, aus dem Taten und Träume gewebt sind, und beides müssen wir nutzen.

Hier ist, wo die Geschichte beginnt.