Aus gegebenem Anlass

Dass so manchem in unserem Land politisch Tätigen mit geringem Recht versuchte Objektivität nachgesagt werden kann, ist so sehr Tatsache wie bedauerlich. Führt doch der Mangel an versuchter bzw. angestrebter Objektivität, die Verantwortung Tragenden frommte, zu einem Versagen des Hör-, Geruchs- und des Sehsinns, als hätte man ihnen Ohren, Nase und Augen verbunden. Am 16. Juni anno 2020 lud FP-Politiker Norbert H. im 10. Wiener Gemeindebezirk am Viktor-Adler-Markt wieder einmal lächelnd vor gutgelaunter Freibeuterschaft zum fröhlichen Halali auf Muslime: „Ich fürchte mich nicht vor Corona, Corona ist nicht gefährlich. Da ist der Koran gefährlicher, meine Lieben, als Corona.“

Wovor Norbert H. sich fürchtet oder nicht, ist wahrscheinlich den meisten Österreicher_innen schnurzpiepegal. Stutzig macht hingegen der Vergleich. Eine Pandemie, die nebst anderen auch das Land, aus dem er stammt, in einen Lockdown mit ungeahnten finanziellen Turbulenzen getrieben hat, vergleicht er grinsend mit einer Religion, die genau in dem heiligen Buch, das er als so absolut gefährlich ansieht, zum ersten Mal in schriftlicher Form Frauen als Rechtspersönlichkeit anerkennt. Dieser Norbert H. ist entweder ahnungslos oder bösartig. Ich mag‘s nicht bewerten. Dass er einen unzulässigen Vergleich zieht, das schon. Es ist, als vergliche er Trauben mit löchrigen Schuhsohlen und er erweist sich, um einen Begriff zu verwenden, den auch Karl Kraus in politischem Zusammenhang einsetzte, als Hyänenmelker. Das Lachen der Hyänen wie auch das, welches der Zitzenabgreifer ausstößt, deutete noch nie auf Gutes hin.

Eine Weltreligion herabzuwürdigen ist schändlich. Gegen deren Lehren Einwendungen zu erheben, ihnen zu widersprechen, gehört zum Wesen einer freien Gesellschaft, in der jeder sich aussuchen können muss, ob er nicht andere Inhalte bevorzugt. Wegen des Versagens seines Gehörs, seines Spür- und des Sehsinns nimmt Norbert H. Sätze nicht wahr, die von Muslimen gesagt, geglaubt und praktiziert werden, wie beispielsweise: „Das Herz des Menschen ist ein Gotteshaus.“ In solch einem alevitischen Sprichwort haben Toleranz und Humanität Platz. In einer der Suren des Korans ist zu lesen, Gott habe die Menschen verschieden geschaffen, damit sie einander kennenlernen. Dem Propheten Mohammed wird der Ausspruch nachgesagt: „Die Tinte muslimischer Gelehrter ist kostbarer als das Blut des Märtyrers.“

Gewiss, aus sakralen, also auch den muslimischen Schriften lassen sich Inhumanität und Intoleranz herauslesen. Da stehen freilich die anderen großen monotheistischen Religionen nicht nach. Den Beginn „Heiliger Kriege“ kann man durchaus mit der Vernichtung des kanaanäischen Stadtstaaten-Systems durch die Landnahme der Israeliten ansehen. Und die Kreuzzüge, die im Namen und unter dem vermuteten bis unterschobenen Einverständnis eines gütigen christlichen Gottes unternommen worden sind, lassen sich nur schwer als Akte der Humanität anpreisen. So gesehen, müsste man sich vor nahezu allen heiligen Schriften fürchten, weil sich durch entsprechende theologische Interpretationen die schlimmste Grausamkeit ebenso rechtfertigen lässt wie die Aufforderung zur Achtung des anderen.

Dies alles ist wahrscheinlich Norbert H. völlig gleichgültig oder unbekannt. Er bevorzugt zu zündeln und zu hetzen, wiegelt Menschen unterschiedlicher Vorstellungen gegeneinander auf. Gleichzeitig bespeit er das Leiden von Erkrankten und ums Überleben Ringenden, ja er spuckt denen aufs Grab, die von der Seuche hinweggerafft worden sind. An sein widerwärtiges Treiben knüpft er die Hoffnung, dass es juridisch nicht geahndet wird. Dass die Anzeige wegen des Verhetzungsparagraphen zu einer Verurteilung führen wird, ist durchaus ungewiss. Mehrmals schon war die Justiz bei solchen Verfahren nahezu exemplarisch milde – so exemplarisch, dass mancher Kritiker zur Ansicht kam, sie leiste einer ideologischen Verschweinung Vorschub. Dass Norbert H.s. Mannen zu seiner Verteidigung ausrücken würden, war zu erwarten: Der Wiener FP-Chef Dominik N. ließ die Kritiker wissen, dass sie „tief im Islamistensumpf“ steckten und „jegliche Grundwerte wie Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung von Mann und Frau“ ignorierten. Der von der Liederbuch-Affaire vorübergehend belastete FP-Mann Udo L. machte in einem privaten TV-Sender klar: „Natürlich wissen wir, dass der politische Islam in Österreich und in Europa ein massives Problem darstellt und da ist auch die Zeit des Schönredens meines Erachtens vorbei und manchmal muss man – speziell in solchen Zeiten – ein bisschen überspitzt formulieren, damit man auch gehört wird.“ Udo L. relativierte nicht, sondern goss noch Öl nach: In Zeiten wie diesen … Auch er ist ein Fatschenmann, dem man Ohren, Mund und Nase freilegen sollte, damit er sich besser orientieren kann, um die Brandgefährlichkeit einer durch Viren verursachte Pandemie vom willkürlichen, politisch motivierten Zündeln unterscheiden zu lernen.

Und noch eine Erkenntnis über Fatschenmänner lehrt Norbert H.s Beispiel: Sie glauben sich von unbeweglichen, bedenkenlos maltraitierbaren, alles erduldenden Watschenmännern umgeben. Sie säen Hass und verbuchen die Reaktionen darauf als Legitimation ihres Hasses. Er fühle sich durch die Antworten auf seine Aussage in letzterer bestätigt, sagte der FP-Politiker tags darauf. Die willentliche Verwechslung von Folge und Ursache, die Kombination von Zündler und selbsternanntem Opfer … wie alt müssen diese wohlfeilen Rezepte der Historie noch werden?

 

Helmuth A. Niederle