Erklärung des PEN Belarus vom 03. September 2020

Die friedlichen Massenproteste, die durch den beispiellosen Wahlbetrug hervorgerufen wurden, sind seit dem 9. August in Minsk und in ganz Weißrussland fortgesetzt worden.

Friedliche Demonstranten wurden von den Sicherheitskräften gewaltsam angegriffen. Die Behörden verwendeten Tränengas, Gummigeschosse, Betäubungsgranaten, es kam zu Angriffen mit Autos, willkürlichen Inhaftierungen, Verhaftungen, Schlägen und Folterungen an den Haftorten sowie Entführungen. Die Aktionen der Sicherheitskräfte forderten Opfer unter den Demonstranten. Die belarussische Gesellschaft ist tief betroffen über offenkundliche Folter in den Einrichtungen des Innenministeriums.

Als Teil der Zivilgesellschaft sind Kreative und Kunstschaffende zu einem wesentlichen Teil der Protestbewegung geworden. Zusammen mit anderen Bürgern wurden Mitglieder der Kunst- und Kulturgemeinschaft als Teilnehmer der friedlichen Aktionen unterdrückt. Künstlerisch gestaltete Statements von Schriftstellern, Musikern, Kunstschaffenden und vielen anderen Vertretern des Kulturbereichs in Belarus waren ebenfalls ein Grund für Repressionen. Lieder sind zu einem natürlichen Bestandteil der überwiegenden Mehrheit der Proteste geworden.

Kulturschaffende wurden nicht nur bei Kundgebungen festgenommen, sondern von Polizisten aus ihren Häusern geholt. Gleichzeitig haben ihre Verwandten psychischen Schaden erlitten. Infolge des psychologischen Drucks und der Einschüchterung mussten einige prominente Künstler das Land verlassen.

Über 50 Mitglieder der Kunst- und Kulturgemeinschaft wurden seit Beginn des Wahlkampfs von den Behörden in ganz Belarus festgenommen und misshandelt. Unter ihnen sind Musiker, Schriftsteller, Künstler und Designer. Mehr als 80 Menschen haben aufgrund ihrer Worte und Taten als demokratiebewusste Staatsbürger ihren Arbeitsplatz im Kulturbereich verloren. Wir sollten auch diejenigen nicht vergessen, die aufgrund ihrer Haltung als demokratiebewusste Staatsbürger seit Jahrzehnten nur begrenzte Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung in Belarus haben.

Wir als Vertreter der belarussischen Kulturgemeinschaft sind stolz darauf, Teil dieser Bewegung zu sein, die auf Achtung der Menschenwürde, des Gewissens und auf friedlichem Protest beruht. Wir sind davon überzeugt, dass Unterdrückungsmaßnahmen die Entwicklung nicht länger aufhalten werden. Die Veränderungen in der Gesellschaft sind irreversibel, Solidarität kennt keine Grenzen.

Wir sprechen allen Opfern der friedlichen Proteste in Belarus unsere Unterstützung aus. Wir drücken unser Vertrauen in den Koordinierungsrat aus, der die Interessen des belarussischen Volkes vertritt und ausschließlich im Rahmen des Gesetzes handelt.

Wir fordern die Einhaltung von Rechten und Freiheiten und bestehen darauf, dass die Entwicklung von Belarus die Achtung der Stimme des Volkes, die Rechenschaftspflicht für Gewalt, einen Regierungswechsel und die Unabhängigkeit der Gerichte erfordert.

Wir fordern die belarussischen Behörden auf, Repressionen und Gewalt einzustellen. Wir fordern, alle für die Gewalt Verantwortlichen vor Gericht zu stellen, alle politischen Gefangenen und Verhafteten freizulassen und neue faire Wahlen abzuhalten.

Die Erklärung wurde von Vorstandsmitgliedern des belarussischen PEN-Zentrums unterzeichnet, darunter der Präsidentin der Organisation und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch sowie von 85 weiteren belarussischen Kreativen und Kunstschaffenden.