Aus traurigem Anlass

Heute, am 18.Dezember, ist der „Internationale Tag der MigrantInnen“, den die UNO vor 20 Jahren erstmals ausgerufen hat. 2018 wurde der „Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration“ von 164 Staaten der UN-Generalversammlung angenommen. Der Österreichische PEN mahnt die Umsetzung der internationalen Pakte durch die Europäische Union ein und verweist auf das Menschenrecht auf Leben, Sicherheit, Schutz und Asyl. Einer, der sein Leben auf dem Weg nach Europa verlor, ist Abdel Wahab Mohamed Youssef.

“You‘ll die at sea.” Diese Zeile schrieb der sudanesische Dichter Youssef, der sich Latinos nannte, in seinem letzten Gedicht. Nun hat er selbst die Flucht nicht überlebt. Im August 2020 ist er auf dem Weg nach Europa im Meer ertrunken. Die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) bestätigten, dass bei diesem Unglück 45 MigrantInnen und Flüchtende, darunter fünf Kinder, ihr Leben verloren haben, als der Motor des Boots vor der Küste von Zuwarah, einer Stadt im Westen Libyens, explodierte. 37 Menschen überlebten das Unglück und wurden nach Libyen zurückgebracht. Die Menschen, die vergeblich nach einem besseren Leben auf dem Bruderkontinent Europa suchten, kamen aus Senegal, Mali, Tschad und Ghana.

Latinos wurde in einer armen Familie in Manwashi, Süd-Dafur, geboren. Trotz des Krieges in seiner Heimat und ohne finanzielle Unterstützung erwarb er einen Bachelor-Abschluss an der Universität von Khartum in Wirtschaftswissenschaften. Seine Gedichte wurden sowohl in sudanesischen Literaturzeitschriften als auch in der gesamten arabischen Welt abgedruckt. Er engagierte sich in NGOs seiner Heimat Dafur.

Im Meer wirst du sterben.

In den wilden Wellen fällt dein Kopf hin und her.

Dein Körper schaukelt im Wasser

wie ein löchriges Boot.

In der Blüte deiner Jugend gehst du,

schüchtern vor deinem 30. Geburtstag.

Eine frühzeitige Abreise ist kein übler Gedanke,

doch die Gewissheit besteht, wenn du allein stirbst

ohne, dass dich eine Frau zu ihrer Umarmung ruft:

„Lass mich dich an meine Brust drücken,

ich habe reichlich Platz,

lass mich den Unrat des Kummers von deiner Seele waschen.

18.XII. 2020, Marion Wisinger / Helmuth A. Niederle