Offener Brief

Der Österreichische PEN hat mit Befremden und Betroffenheit aus der medialen Berichterstattung die Nachricht aufgenommen, dass das Land bzw. die Stadt Wien durch den Herrn Bürgermeister Dr. Ludwig die höchste Auszeichnung der Bundeshauptstadt Wien, nämlich das Große Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, vor kurzem an den Botschafter der VR China, Herrn Li Xiasoj verliehen hat.

Der Österreichische PEN fragt nun an, worin denn die hervorragenden Verdienste für die Stadt Wien des Herrn Botschafters bestehen, die eine solche Ehrung rechtfertigen?

Die Begründung der Laudatio, nämlich ganz allgemein das 50-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Beijing und Wien, und die von Herrn Xiasoj nach Ausbruch der Corona-Krise vermittelte Verteilung von 39.000 FFP2-Masken an die Wienerinnen und Wiener, scheint ein etwas dürftiger Vorwand für die Verleihung zu sein. Auch der Bezug zur Eröffnung des „Huawei Experience Store“ auf der Kärntner Straße und der Empfang der kulturellen Botschafter unserer Stadt, bis zur Abhaltung der famosen Wien-Bälle in Beijing, überzeugt nicht von der Sinnhaftigkeit einer solchen Auszeichnung.

Der PEN weiß natürlich um die Usancen diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen, weist aber dennoch darauf hin, dass nach unseren demokratischen Werte-Auffassungen und nach der Abwägung des Für und Wider sich eine solche Ehrung eigentlich von selbst verbietet und durch nichts zu rechtfertigen ist, zumal Wien sich als Stadt der Menschenrechte begreift.

Der PEN hofft, dass eine solche Handhabung von Auszeichnungen und Ordensverleihungen im Namen der Wienerinnen und Wiener jedenfalls gestoppt wird; denn sie ist auch unvereinbar mit der Gesinnung und Haltung der anderen Ausgezeichneten und somit ein inakzeptabler Handlungswiderspruch.

Der Österreichische PEN findet es jedenfalls mehr als bedenklich, dass einem offiziellen Repräsentanten eines Menschen- und Völkerrechte systematisch verletzenden Regimes, wie die Regierung der Volksrepublik China eines ist, eine solche Ehrung zuteil wird. Zurzeit sind weltweit hunderte Schriftsteller, Journalisten und Dissidenten in Haft. Es wäre also angebracht, anstatt diplomatische Vertreter von Diktaturen für ihre hervorragenden Verdienste in ihrer Funktion auszuzeichnen, diese besser auf unsere Besorgnis ob der Schicksale von entrechteten, inhaftierten oder verschwundenen Menschen in ihren Ländern hinzuweisen. Dies wäre das richtige Zeichen im Sinne der Menschenrechte.

Mit freundlichen Grüßen

Präsident des Österreichischen PEN Dr. Helmuth A. Niederle

Prof. Peter Paul Wiplinger, Ehrenmitglied des Österreichischen PEN

Dr. Marion Wisinger, Beauftragte des Writers-in-Prison-Komitees