STELLUNGNAHMEN ZUM UKRAINE-KRIEG

Die Ereignisse in der Ukraine veranlassen manche unserer Mitglieder zu persönlichen Stellungnahmen. Wenn von den Autor:innen gewünscht, machen wir diese öffentlich zugänglich.

Wolfgang Mayer König

TRIPTYCHON DES KRIEGES UND DER MENSCHENVERACHTUNG

(Aus zwei beweglichen, aus je einem Tafelbild bestehenden Flügeln, mit profanen oder religiösen Darstellungen von Szenen der Freude oder des Schreckens, und einer mittleren Bildtafel, mit der Zentralfigur oder dem zentralen Anliegen, errichteter, dreiteiliger, gemalter oder geschnitzter Flügelaltar)

Tafelbild des linken Seitenflügels:

Sinnlose Ohnmacht, die verbleibt. Über solche Gewalt. Über Straßen verstreut: mit Genickschuss hingerichtete Leichen, die Hände über dem Rücken gefesselt. Dutzende Massengräber verscharrter Ermordeter. Über obersten, vor aller Weltöffentlichkeit direkt erteilten Befehl, zivile Eingeschlossene, Frauen und Kinder, hermetisch abzuriegeln und auszuhungern, wörtlich so, dass keine Fliege mehr entkommen, also weder hinaus- noch hinein könne, Fluchtwege höhnisch ignorieren. Nebenbei mit der Absicht, die Konkubine einen Sieg feierlich verkünden zu lassen. Aber da gibt es keinen Sieg, sondern nur Leichenberge und ausgebombte, dem Erdboden gleichgemachte zivile Siedlungen, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten. Sinnlose Ohnmacht über solchen Massenmord, solche Verbrechen an der Menschheit und Menschlichkeit, über so unfassbare Leidzufügung an Unschuldigen und Verstärkung des Leids an Bedürftigen, Notleidenden und Kranken, die ohnehin schon auf der Verliererstraße des Lebens ausgesetzt waren. Das exemplarisch Böse, das ungehindert über Hand nimmt und gigantische Ausmaße annimmt. Die gesellschaftlich ermöglichte, ja geförderte Verbrechernatur, und ihr gegenüber die pompös inszenierte Absage an die Bedrängten, das Hinauszögern derer letzter Hoffnungen, das Aufbauen unüberwindlicher Hürden, das Abgrenzen und Selbstbewahren, über das Ausgelöscht-Werden der Anderen, die Austilgung ganzer Völker hinaus. Solche Schande des Im-Stich-Lassens, des scheinheiligen Mitgefühls, der Ängste, dass einem selbst nicht solches Schicksal widerfährt, ist nie und nimmer tilgbar. Dieses Blut lässt sich niemals mehr abwischen, diese Tränen nie mehr trocknen. Eine ekelerregende Anbiederung, das Hinterlassen einer üblen Schleimspur der Profiteure, der deplatzierte Kotau, und wo man hinschaut, extreme Geschmacklosigkeit, sind der hiesige Beitrag zu den sich schon seit vielen Jahren abzeichnenden Vorbereitungen unermesslichen Schreckens, die von Menschen gegen Menschen ausgedacht wurden, und von allem Anfang an gegen diese gerichtet waren. Die Welt hat aufgehört, sinnvoll zu existieren. Eine solche Kultur, eine solche Politik, ergibt keinen Sinn.

Tafelbild des rechten Seitenflügels:

Mit Drohungen um sich werfen, um sie sogleich in die Tat umzusetzen. Tödliche Giftanschläge gegen Kritiker überall verüben, sie bis in die letzten Winkel aufspüren und eliminieren. Und sind es nicht die Gräuel des Angriffskrieges, so ist es die Gleichung aus Übel-Eigenschaft und Niedertracht, wenn fortgezeugte Lügen als Tatsachen verkauft werden, die Macht extremer Verlogenheit, und keine Zukunft hinter den Abziehbildern. Über dem Wahnsinn herrscht das druckfrische Geld, Öldruck und Gasdruck, die nässende Propaganda. Nicht daran denken, keine heimlichen Hoffnungen und Magengeschwüre. Alpha hockt über leeren Tellern, Beta hungert über einem Grätenmahl, Gamma nährt sich von Schlagzeilen, von Nächstenliebe. So kommen sie langsam, aber doch, auf die Städte zu, umzingeln sie, gebt auf, wir löschen euch ohnehin aus. Bald soll das Ziel erreicht sein. Die Geschichte zurückdrehen wollen, aber nicht einmal über den eigenen Schatten entkommen können. Vor sich wirres Zeug mit komischer Miene daher schwätzen. Friedliche Lösungen kategorisch ausschließen. Die Verkörperung des Grausamsten sein, selbst aber höchst empfindlich und wehleidig agieren. Was für ein Spitzenjahr für Revanchisten, was für ein Spitzenjahr für Diktatoren, die mit Verhandlungsrecht und Kriegserklärungspflicht werden die Vorschläge prüfen, werden die Massenmobilisierung auch mit niederknüppelnder Gewalt nicht verhindern können, sind psychisch verpfuscht oder in geheimer Mission unterwegs. Weil da etwas ist, was über die Bedrängten hinauszugehen- sie selbst zu übertreffen scheint. Ein Preis zum Ablehnen. Jeder Preis für einen solchen Frieden. Frieden um jeden Preis. Der Preis für den Frieden. Friedenspreis. So oft sie auch inständig um Feuerpausen, um sichere Fluchtwege für Alte, Kranke, Kinder und Mütter baten, sie wurden nach wie vor aus dem Hinterhalt beschossen, aus der Luft bombardiert, und ihre Fluchtrouten ins Feindesland umgeleitet. Während einerseits Panzer zivile Fahrzeuge und ihre Insassen vor den Augen der Weltöffentlichkeit gnadenlos überrollten, Kinder in zerbombten Häusern verdursteten, war es andererseits wichtig, Antwerpener Diamantenschäfte und Mailänder Modehäuser für die Oligarchengattinen und Gespielinnen offen zu halten, so sehr auch die Welt nach Ächtung solcher Zustände, um Stillstand der ungleichen Zahnräder schrie, wollten die funkelnden Patriarchen die Seelen mit dem stechenden Weihrauchgeruch weiterer Hassbotschaften einsalben, in immer schon unheiliger Allianz von Politik und Kirche. Sogar die Schweiz wollte einmal ein wenig ernst machen. Über den Alpen häufen sich luftdichte Worte und strahlende Wolken von umhausten Unglücksreaktoren ziehen ohne Schuldgefühl und neutral hin zum Alphorn des Älplers oooben oooben oooben.

Mittleres Tafelbild:

LEBEN zulassen, Leben schützen, das einem nahe ist, in dem man selbst ist, das einem anvertraut ist, aber auch das Andere, das Fremde oder Ferne leben lassen.
BLEIBEN, bei allem, was man liebt. Aber auch das andere Lebende unversehrt lassen.
DENKEN, an all das, was Nähe ist und Wärme.
KLEINE SCHRITTE SETZEN und dabei nicht zertreten.
TRAUERN, nicht nur um die Nächsten, sondern auch um Fremde, deren Schicksal uns nicht nur nahe geht, sondern welche uns durch ihr Schicksal nahe sind.
HELFEN, wirksam helfen, so lange man lebt.
WÄRMEN, als einziges Gut, aus dem möglicherweise ein Lächeln entspringt.

____________________________________________

Ana Bilić: Der Brief an den russischen unbekannten Soldaten

Lieber unbekannter russischer Soldat,

ich stelle mich nicht vor, weil ich für dich unbekannt bin, so wie du für mich unbekannt bist. Und das ist für uns das Gemeinsame, und deswegen schreibe ich dir. Wir haben keinen Namen, die uns gegenseitig bekannt sind, wir sind namenlos und wir sind die Masse. Aber wir sind die Masse, die Kraft und Macht hat und alles verändern kann.
Ich weiß, dass du kämpfst, weil du deine Aufgabe erfüllen willst, dass du ums Leben kommen könntest und auch wahrscheinlich wirst und dass dein Lohn ein Denkmal des unbekannten Soldaten sein wird. Wie viele es von den Denkmälern des unbekannten Soldaten gibt? Viele. Aber gibt es ein Denkmal des Soldaten, der einen Krieg gestoppt hat? Der die Waffe niedergelegt und gesagt hat: Nein, ich will nicht töten. Ich will nicht die anderen unbekannten Menschen töten, nur weil ein Mann das gesagt hat. Ich will nicht von einem Mann manipuliert werden. Ich habe ein Bewusstsein darüber, was ich mache, ich bestimme über mein Leben und stehe hinter allem was ich tue. Und ich will die anderen Menschen nicht töten und ich will nicht alles zerbomben, was ein anderer Mensch geschaffen hat. Ich bin ein Unbekannter, aber ich weiß was ich mache und darüber entscheide ich. Und ich entscheide mich für den Frieden. – Wenn du, der unbekannte Soldat, deine Waffe an der Front niederlegst, dann wird auch die andere Seite das Gleiche tun. Das hat auch die Geschichte gezeigt.
Ich, als Frau, kann über den Krieg nicht mitbestimmen. Denn die Frauen sind nicht eingeladen, über den Krieg zu entscheiden. Die Frauen wären nicht für den Krieg. Oder denkst du etwa, dass deine Mutter für den Krieg wäre? Oder deine Schwester? Oder deine Tochter? Wir sind davon ausgeschlossen, die Politiker haben sich selbst daraus ausgeschlossen, nur du kannst den Krieg stoppen. Töte nicht, entscheide dich für das Leben. Sei der erste Soldat, dem ein Denkmal des friedensstiftenden Soldaten gebaut und gewidmet wird. Das ist deine Aufgabe und der Weg, auf dem du in die Geschichte als Soldat eingehen kannst.

Eine Unbekannte
mit Liebe, Respekt und Erwartung

____________________________________________

Annemarie Moser

„Fürs Leben“  

Da lässt man sich von der permanenten Fortschrittspropaganda unserer Kultur unwillkürlich, unbemerkt, täuschen. Alles wird verbessert, verfeinert, die Gesetze werden bei uns pausenlos angepasst, genauer, die Netzwerke schneller, leistungsfähiger. Alles wird komplizierter, muss es auch werden, treffsicherer, die Mietbeihilfe, die Pendlerpauschale, tausende Beamte und Vertragsbedienstete drehen an tausenden Schräubchen für mehr Gerechtigkeit, Treffsicherheit, und in den Medien wird über jedes Schräubchen ausführlich diskutiert.
Die Treffsicherheit der Bomben, die auf die Ukraine fallen, ist irrelevant, weil jede Bombe todsicher zerstört, was sie trifft, und nur darum geht es. Das Ziel ist immer dort gewesen, wo die Bombe, die Rakete eingeschlagen hat. Alles Volltreffer.
Natürlich wird in den Kämpfen auch gezielt geschossen, und dass in dem Zielbereich gerade Menschen sind, das sind dann Kollateralschäden.
Die höhere Logik der Befehlserteiler, die ihre Aufmarsch- und Einkesselungspläne durch Befehle in wirklichen Horror umsetzen lassen, diese Logik ist großzügig, überspannt Millionenstädte und Landschaften, die unversehens an eine versunkene Steinzeit erinnert werden, indem ihnen beigebracht wird, was sie in den Zielvorstellungen der Befehlserteiler werden sollen: Trümmerhaufen, Ruinenlandschaften, in denen das Brudervolk irgendwie überlebt oder auch nicht. Wer flüchten will, soll flüchten, die Grenzen gen Westen stehen offen.
Aber die Mütter jetzt, o Gott, die jungen Ukrainerinnen mit ihren Kindern auf der Flucht, da habe ich mir einen Werbeclip zum Frauentag gemerkt, mit sieben oder acht oder zehn Gesichtern von Frauen in aller Welt, verschiedenen Ethnien, Hautfarben, Herkünften, eine wie die andere strahlend, mit einem unwiderstehlichen Lachen, makellos gesund und vital, genau passend als Werbung zum Frauentag, und mein Unbewußtes spielt mir in diesen Clip erschöpfte, verzweifelte Gesichter ein, weinende Frauen, verschwollene Gesichter, angstvolle, gehetzte, die jungen Mütter, wie sie jetzt sind, die Wahrheit.
Als ich kleines Kind war, war der Zweite Weltkrieg. Ich kenne alles, was jetzt den Menschen der Ukraine passiert. Alle Gefühle. Und ich wünsche den Befehlserteilern, die diesen Krieg zu verantworten haben werden, alle diese Gefühle an den Hals. In den Kehlkopf, in die Bronchien, in den Unterleib, um das Herz, ins Gehirn auch. Keine Hassbotschaft, damit bin ich einverstanden. Nur die Wahrheit, die so vielen Menschen jetzt eingebläut wird, ein- für allemal.
Fassungslos, wie das überhaupt sein kann, alles.
Es ist GENAU SO PRIMITIV UND BRUTAL, wie ich es als kleines Kind vor 77 Jahren „fürs Leben“ mitbekommen habe, hineinverflochten und verteilt in allen Fasern. Wie Krieg eben geht. Der Fortschritt ist abgesagt, die Vermehrung des Elends findet statt.

____________________________________________

Peter Bielesz

Wahr – und scheinlich 

 Es ist zwingend und unerlässlich bei der Behandlung einer Kriegsproblematik ohne ein berühmtes Zitat von Aristoteles auszukommen.„Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche eintritt“.
Kein aktueller Satz könnte besser und prägnanter ausdrücken, was die derzeitige Situation (= Überfall) in der Ukraine betrifft. Viele Menschen haben in ihrem Leben schon Vorstellungen von dem Unwahrscheinlichen, dem Undenkbaren und dem Unvorstellbaren erfahren. (Das „Unwahrscheinlichste“ bleibt vorerst unerwähnt!)
Noch dazu kommt auch, dass Aristoteles der Begründer der formalen Logik ist, von dieser Warte aus gesehen nicht zwingend erwartbar. Warner gab es nur zögerlich, ob das Unwahr- scheinliche (= das Verbrechen) als amorph, surreal, absurd oder doch als real einzuschätzen sei.
Erreichen wir an diesem Punkt eine Grenze des Sagbaren, der Sprachlosigkeit, gibt es überhaupt eine Sprache für diese völkervernichtende Brutalität? (Gibt es ein Lexikon des Kriegsvokabulars?)
Unterstützt von einigen wenigen hasserfüllten Beratern und dem geschichtlichen Scheinstudium eines ehemaligen Großreiches, hat sich ein Beweger in Bewegung gesetzt, das Lächerliche der Macht bewusst in Kauf zu nehmen und zu exekutieren.
Das Lächerliche wird sich leider erst offen nachträglich zeigen, es wird auch zwingend wieder Kriegsgewinnler geben, unter dem Mantel der Solidarität für die Gemeinschaft.
Außerdem gibt es einen erstarrten Beweger in seinem Bunker, der auch im Stadion als Gladiator auftritt. (Und schon unsichtbar das Zarenzepter in der Hand hält!)
In Bezug auf den ersten Weltkrieg analysierte Freud: „In Wirklichkeit gibt es keine Ausrottung des Bösen“. („Zeitgemäßes über Krieg und Tod“)
Ein weiterer Befund aus der Psychoanalyse: „Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein“. So erleben wir Barbarei auf beiden Seiten, sie war menschheitsgeschichtlich immer da, in kurzen Epochen nur weniger ausgeprägt, vom ………….. Weltgeist unterdrückt.
Während des Schreibens ist das erwähnte „Unwahrscheinlichste“ eingetreten. Eine Geburtenklinik wurde bombardiert, die Frau auf der Tragbahre, -im TV weltweit zu sehen – ist wenige Tage später gemeinsam mit dem Ungeborenen verstorben. Das ist kein Krieg, das ist ein Abschlachten. 109 Kinderwägen stehen in Mariupol auf einem Platz, sie sollen durch einen schusssicheren Glassturz für die Ewigkeit geschützt werden. Mehr Leid ist nicht vorstellbar.
Dafür landet der Gladiator mit freiem Oberkörper vor ein Kriegsgericht, es wird passieren, soviel Gerechtigkeit muss am Planeten existieren, wenn nicht, ist er zusammen mit der Menschheit und den Menschen verloren, die die Anklage verfasst haben.
Handkes letzter Satz in „Über die Dörfer“ lautet: „Der ewige Friede ist möglich“. (Leider hat dieser wunderbare Satz einen nicht nachvollziehbaren Hintergrund, er besuchte einen inhaftierten Kriegsverbrecher am internationalen Gerichtshof für Menschenrechte – vielleicht eine unverzeihlich – verzeihliche Geste.)
Diktatoren die die Geschichte eines Landes, eines Großreichs, um tausend Jahre zurückdrehen wollen, sind von Haus aus zum Scheitern verurteilt, abgesehen von jenem Herrn, der die kommenden tausend Jahre wahnbrüllend verkündet hat, und Millionen in den Tod trieb.

____________________________________________

Tatjana Gregoritsch

Mein Name ist Tatjana Isabella Lucia Gregoritsch aus  Wien, ich lebe an der Grenze in Kärnten. Ich bin Schriftstellerin. Ich bin nicht Soldatin. Ich kämpfe hier mit Worten, appelliere, rufe auf zum Widerstand wie damals die Partisanen in Slowenien und Kärnten, Freiheitskämpfer im finnischen Winterkrieg, Solidarnosc in Polen, wie in Ungarn 1956, Prag, Sarajewo, Grosny, heute Kiew 2022. Die Waffen nieder, seit Bertha von Suttner (sie würde sich im Grab umdrehen) noch immer aktuell, nun im Innern Europas, auf ehemalig österreichischem Gebiet.
Tatjana wurde ich nach der ermordeten Romanovtochter getauft. Meine Mutter erlebte als junges Mädchen die russische Besatzung in Wien. Mein Vater war nach seiner Rückkehr 1955 aus dem Lager Workuta in Sibirien als Ostexportkaufmann in allen Ländern der UdSSR, sehr oft in Kiew. Mit täglichen Erinnerungen an Krieg, Lager, Besatzung, aber auch Bildern der schönen Stadt und Ostsprachen bin ich aufgewachsen. Habe ich nicht vielleicht Geschwister in Kiew? Ich fühle mich verbunden. Ich bin wütend auf einen, der klug genug ist, zu wissen, dass er sich, sein Volk und die Welt gerade in den Abgrund stürzt. Ein einzelner krimineller Mann hält die Welt in Geiselhaft, während er seine Mordspur zieht. Wut ist Brennstoff für Aktion. Ich spreche kein Russisch, kein Ukrainisch, aber ich will tun, was mir als Zivile möglich ist, mir nicht vorwerfen, nichts getan zu haben, wenn die Welt brennt.
Politiker, tun Sie, was Ihnen möglich ist, aktivieren Sie Ihre Kontakte, suchen Sie rasch Gespräche, Alternativen, überspringen Sie bürokratische Hürden. Sogar der Papst machte sich zu Fuß in die russische Botschaft auf, um zu intervenieren. Die Hoffnung auf rechtzeitige Hilfe bleibt.

#slavaukraini! #standwithukraine!

____________________________________________

Claudia Taller

Trauma auf Trauma auf Trauma

Ihr seid viele, ihr seid immer viele, ihr seid immer viele gewesen. Ihr seid nie alleine gewesen, mit einer Mutter, einem Vater. Euer erstes Trauma ist gnädig der Verdrängung anheimgefallen. Auf eurem großen Haus steht ‚Waisenhaus‘, ihr könnt es noch nicht lesen. Eure Betten sind hart und schmal, euer Essen nicht gut und nicht viel, eure Kleider sind zu eng oder zu weit. ‚Tanten‘ sagt ihr zu den Frauen, die euch kommandieren zu Pünktlichkeit, zu Reinlichkeit. Hätte man euch gefragt, ob ihr unglücklich seid, ihr hättet es nicht verstanden.
Und dann kam das große Heulen. „Sirenen“, sagten sie und rissen euch aus den Betten. Schuhe und Mantel und rennen. Wohin, mitten in der Nacht? In einen kalten Keller, zusammengeduckt, eine Hand zitternd in der anderen. Wenige weinten. Das Geheule verstummte, manche schauten auf, fragend. Doch das nächste Trauma war schon da – ein Krachen und noch ein Krachen und noch eines. Kleine Hände hielten kleine Ohren zu. Das nützte gar nichts. Wie kann es etwas so Lautes geben? Jetzt weinten mehr.
„Explosionen“, flüsterten die Tanten und umarmten die Kinder.
Das hatten sie bisher nie getan.
In der zweiten Nacht kanntet ihr den Weg zum Keller, für die dritte Nacht wart ihr vorbereitet, ihr schlieft in der Kleidung, manche mit Rucksack. Das heißt, eigentlich schlieft ihr nicht, ihr lagt wach, in Angst, in Erwartung von etwas Unvorstellbaren. Manche weinten leise, manche laut.
Die Tanten sprachen jetzt sanfter. Einmal kam ein Mann und zählte euch ab, er seufzte. Nach der vierten Nacht kamt ihr aus dem Keller und eure Betten standen im Freien. Ihr verstandet nicht, wie das möglich war.„Raketen“, sagten die Tanten, standen da mit offenem Mund.
Manche weinten. Das hattet ihr noch nie gesehen.
Vor eurem geöffneten Haus hielt ein Bus.
„Steigt ein“, sagte der Mann, der euch gezählt hatte.
Die Tanten gingen noch einmal in das offene Haus, man konnte nicht mehr lesen, dass es ein Waisenhaus war. Ihr konntet sehen, wie die Tanten sich bückten und Sachen in die Rucksäcke packten, in ihre großen, in eure kleinen.
Ihr fuhrt und fuhrt, draußen war es hell, draußen war es dunkel. Ihr sehntet euch nach euren harten Betten und der dünnen Suppe. Manchmal schlieft ihr ein. Und dann trommelten Kugeln auf euch ein.
„Auf den Boden“, schrien die Tanten. Und dann schrien die Kinder.
Und die Tanten flüsterten, „Sie schießen einfach auf uns.“
Und der Bus fuhr weiter. Und die Kinder schrien nicht mehr, sie weinten nur mehr. Sie zählten keine Traumen, sie konnten noch nicht zählen.

____________________________________________

Susanne Dobesch

KRIEG IN EUROPA 

Angesichts der Ukrainischen Tragödie ist es schwierig nicht in Klischees zu verfallen .Ich möchte auch nicht all die Informationen mit denen wir seit Wochen konfrontiert sind wiederholen. Weder die Propaganda, noch die seriösen Berichterstattungen. Ich möchte  ein persönliches Erlebnis in Erinnerung und zur Kenntnis bringen.

Vor vier bis fünf Jahre stieß ich auf den Stoff einer Mailänder Adeligen –Francesca Scannagatta-, die mich faszinierte, weil sie unbedingt, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder Offizier an der kaiserlichen Mariatheresianischen Militärakademie werden wollte, was ihr auch gelang .Hiermit begab ich mich mit freundlicher Unterstützung eines befreundeten Brigadiers, also meines Protegés in die ehrwürdigen Hallen in Wiener Neustadt. Scanagatta ist dort so etwas wie eine Säulenheilige, weil sie immer Jahrgangsbeste war und das zur Zeit der Napoleonischen Kriege .Sie kämpfte und tötete wie eine Amazone und behielt doch immer Menschlichkeit und Weiblichkeit im Herzen. Später gründete sie eine Familie und war eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Doch vorerst ging es darum Napoleon, den rücksichtslosen Usurpator, im Grunde ein Diktator, der nur durch weitere Kriege seine Macht festigen konnte mit allen Mitteln zu bekämpfen .Damals war Europa zumeist in Feudalstaaten zersplittert, in kleine Fürstentume und ein aufstrebend geeinigtes United Kingdom. Die gemeinsamen Europäischen Werte wie Glauben, Untertänigkeit und Gottesgnadentum wankten. Es zerriss den Kontinent, doch das ehemals mächtige Österreich wehrte sich mit einer veralteten und kaputtgesparten Armee. Schlussendlich wir alle kennen die Geschichte siegte Metternich und stellte die Restauration anstelle der Revolution. Damit war vorerst der Frieden gesichert und die geopolitischen Wünsche der Herrschenden wieder erfüllt.

Ich habe Material zu all diesen Schlachten gesammelt, die Lebensgeschichte der erwähnten Dame in der Nationalbibliothek ausgehoben und durfte mit den „Goldfasanen speisen und plaudern“.

Es handelte sich durchwegs um gebildete und besonnene Männer, wie man auch aus den heutigen Kommentaren zur Kriegslage entnehmen kann. Dennoch verwehrten sie meinen schüchternen Einwand-ich bin Verfassungsuiristin-das mit der umfassenden Landesverteidigung beschränke sich auf Katastrophenschutz, Grenzschutz und dergleichen. Keiner durfte zugeben, dass sie alles wussten, aber nichts sagen durften .Bei mir, die ich mich nun zwei Jahre mit den Napoleonischen Kriegen beschäftigt hatte läuteten die inneren Alarmglocken .Ist unsere Verfassung Makulatur? Ist das Schweizer Vorbild unerreichbar? Man sah doch schon damals, dass aus den Zerfall Frankreichs ein machtlüstener Diktator entstand .Setzt man ohne direkte Feinde in der Nachbarschaft lieber auf einen gelungenen Sozialstaat, als auf ein aufgerüstetes Heer? Warum eigentlich nicht? Zumindest in Europa gab es seit den Balkankriegen, die nicht Grenzüberschreitend waren keine Bedrohung .Doch was nützt der Sozialstaat, wenn er in Kriegswirren zugrunde geht?

Somit vergaß auch ich die Analogie eines zerfallenen Frankreichs im 18 Jahrhundert mit der Analogie einer zerfallenen UdSSR Ende des 20 Jahrhundert und dass immer der Stärkste aus diesen Resten ein Bedrohungszenario zimmert. Hauptsache Europa schläft in seinen eingebildeten Werten .Es wird Berufener brauchen um den gordischen Knoten zu lösen. Auch ohne gläubig zu sein drängt sich mir der Satz auf „Gott schütze Europa“. Wer sonst ?

____________________________________________

Marzanna Danek

EINE LEKTION ZUR NEUEREN GESCHICHTE

ich dachte, glaubte,
dass ich eure Frage:
Was ist Krieg?
nur schwer
beantworten kann,
denn für Krieg
gibt es keine Worte, und jene,
die man sagen möchte,
bleiben plötzlich im Halse stecken

ich dachte, glaubte,
ich nehme euch ins Museum mit,
erkläre euch diesen Archaismus,
das längst ungebräuchliche
Wort „Krieg“
durch ein paar vergilbte Fotos,
einen rostigen Helm,
ein Gewehr und eine Pistole,
ein Funkgerät, mit Patina überzogene,
verstaubte Granaten, Projektile und
einen Panzer auf dem Sockel
der Geschichte

ich sag euch eins:
Krieg ist BÖSE!!!
Bomben, Hunger, Krankheiten
sowie Tod, Dreck und…
Blut und Gräber,
Gesichter voller
Wut und Verzweiflung

nein, die Granaten, Gewehre
und Helme stauben wir nicht ab!
Wozu?
Sie sollen nur liegen bleiben
in der Vitrine,
der alte Wächter döst vor sich hin,
soll er die Exponate
nur gut bewachen
der Greis

Museum, Archiv,
GESCHICHTE

Das BÖSE ist ein DRACHE, der
Feuer speit, um Zerstörung und
Schmerz zu verbreiten

Was ist Krieg?
Mit Schamesröte im Gesicht
deute ich auf den Himmel im Osten,

der auch rot leuchtet,
aber nicht vor Scham,
sondern vor Blut und Feuer, und nein,
das ist kein Regen,
es sind Millionen von Tränen.

statt Vögeln, die dem
grünen Frühling in ihre Heimat folgen,
… Flugzeugstaffeln,
lärmende Hubschrauber,
zerstörte Nester
in Baumruinen

Titelseiten
triefen vor Blut und Tränen,
nein, das ist keine Tinte,
beklemmende Schlagzeilen:
Was liegt noch vor uns?!!!

vor uns liegt doch
der Frühling!
vor uns liegen Blumenwiesen,
Krokusse, Klatschmohn,
Leberblümchen,
und die Sonne, die
immer höher am Himmel steht

dort, weit weg, unweit von hier,
im Osten gibt es auch Kinder
die Sonne möge ihnen scheinen,
der Himmel möge ihr schönes Lächeln
zum Strahlen bringen

und von den Gesichtern der Erwachsenen
verschwindet
die blutige Schamesröte,
und von den Titelseiten
das absurde Wort
KRIEG!

P.S.
was bleibt, ist der Flügel des Flugzeugs,
eingebrannt ins Himmelszelt,
für immer,
und eine Narbe
auf dem blassen Gesicht
dieses weinenden Kindes,
das bis an sein Lebensende
nachts schreiend aufwachen wird

(aus dem Polnischen von Silvia Gelbmann)

____________________________________________

Peter Paul Wiplinger

DAS UNDENKBARE

jetzt bin ich wieder dort
wo ich vor fast siebzig jahren
schon einmal war als ich zornig
zu meinem längst verstorbenen
heidegger-philosophenbruder sagte
es geht jetzt doch nicht darum
nach diesem zweiten weltkrieg
nach all der nazibarbarei nach auschwitz
dresden hiroshima nach hitler stalin
nach 55 millionen oder wieviel toten
den menschen und die welt zu erklären
es geht doch darum sie zu verändern
daß so etwas nie mehr passiert
weil nie mehr passieren kann
ich weiß man kann und soll
die schrecklichen absurditäten
das undenkbare niemals vergleichen
aber wieder einmal ist das undenkbare
nicht nur denkbar sondern realität geworden
wieder einmal spielt ein einzelner mensch
auf dem machtapparatklavier die todesmelodie
und tausende ziehen folgsam in den krieg
und millionen sind jetzt auf der flucht
die welt ist nicht mehr wie sie vorher war
das undenkbare ist totalzerstörung tod
und wieder fragt man sich wofür wozu
was soll der ganze irrsinn was soll denn
dieser wahnsinnskampf und worum geht es
wofür lohnt sich das brutale bombardement
die ausradierung ganzer städte dieser terror
gegen arme menschen gegen frauen kinder
die in u-bahnschächten ohne alles hausen
und warum schießt ihr auf andere menschen
befehlsgemäß auf alles bis es nichts mehr gibt
außer ausgelöschtes leben maschinellen tod
ihr seid ab jetzt für immer gefolgschaftsmörder
nur weil schon wieder so ein wahnsinniger
den krieg befiehlt und ihr ihm treu-gehorsam folgt
und die anderen schreien daß sie kämpfen werden
bis zum letzten blutstropfen ein altbekannter slogan
und auch euch hat niemand von den betroffenen
in wirklichkeit dieses nationale heldentum erlaubt
und nachher werden wieder einmal die kinder
irgendwann und irgendwo friedenstauben basteln
und philosophen werden weiterhin so wie gewohnt
den menschen und die welt erklären und sagen
daß so etwas undenkbar ist obgleich es jetzt geschieht
Wien, 22.03.2022

Heldendenkmal in Hamburg, (c) Wiplinger
____________________________________________
KURT F. SVATEK
VA, PENSIERO*)
Der Klang des Friedens,
den viele so lag in den Ohren zu haben glaubten,
wie schnell ist er vergessen,
durch das aufgeregte Heulen der Sirenen,
durch das Dröhnen von Flugzeugmotoren,
durch das Fallen der Bomben.
Gibt es eine Engelsharfe,
die ihn jenen immer und immer vorspielt,
die ihn so gar nicht hören wollen?
Gibt es die Engelszungen,
die so lang vom Frieden reden,
bis sie, wenn auch spät, erhört werden?
Gibt es die Tauben,
die vor den verblendeten Lidern flattern,
bis alle, die das so gar nicht wollen,
den Krieg aus den Augen verlieren müssen?
Gibt es den Wolkenbruch,
der auch Gedanken wäscht?
Gibt es das alles außerhalb des Traums?
Gibt es den leisen aber stetigen Klang des Friedens?
Vielleicht, nur sicher,
sicher ist das nicht.
Dennoch: Va, pensiero, sull’ali dorate,
flieg Gedanke auf goldenen Schwingen …
*) Chor aus Verdis Oper Nabucco
____________________________________________

 

Rüdiger Görner

Gedicht im Krieg

Hört des Banjos zarte Stimme, die sich einer Hymne leiht,
die Hass nicht kennt, nur Herz, nur aus Saiten ein Gewebe.
Und doch ist Krieg, tobt das, was niemand glauben wollte.
Weil schwarz ist, dieses Meer, sieht man Versenktes darin nicht.
Aus den Geschwadern werden Raben; Bataillone schießen in die Irre.
Und des Nachts? Feuerwechsel im Alarm. Später schwären Träume
wie Wunden. Schützt der Bunker? Tödlich jedes Wort.
Hört, das Banjo wieder; dem Banjo eine Gasse durch das Dröhnen
der Geschütze. Im Wirbel der Himmelsrichtungen kreiselt,
kreideweiß vor Angst, die Taube. Ist morgen noch ein Tag?
Kennt dann das Banjo noch sein Lied? Im Rotieren der Antennen
taumelt selbst die Lüge; und die Ohnmacht fällt die Krater.
Liegt es bereits in Trümmern, des stillen Jaroslaws Soloti worota?
Wird wieder golden, dieses hohe Tor? Jenseits von Tag und Nacht
zupft Jaroslaw behutsam, doch entschlossen seine Weise zu lautlosem
Gesang. Und doch ist Krieg, tobt das, was als Verrat begann,
Rohstoffen zuliebe, digital gesteuert, austariert. Wieder aber dreihundert
Spartiaten; die Thermopylen heißen jetzt Tschernobyl, Wortkernspalter
unter Beschuss: Leonidas grüßt Jaroslaw von Grab zu Grab.
Und doch – mitten im Krieg mischen sich Farben über Gräbern, über
Flüchtlingsströmen, Blau und Gelb zu unverwechselbarem Grün,
das – verzweifelter denn je – seinen Frühling sucht.

____________________________________________

Herbert Kuhner

Old Days

In 1939 Joe and Adi got together and tied the knot. Poland was the wedding cake. Joe went home and rubbed his hands. On September 1, 1939 Adi broke his vows, and in late 1941 Joe was on the ropes.
On September 7th of 1941, the Japanese attacked Pearl Harbor and saved the day for our good old Joe. By way of his next-door neighbor Alaska, oodles of weapons and supplies began pouring in, and we know the rest.

The Myth: Ron and John
Just as East Europe was freed from Nazism but not freed, Russia (or the Soviet Union, if you will) was freed from Communism but not freed.
There’s a myth circulating that President Reagan and Pope John Paul II brought down Communism in the Soviet Union. That’s a half truth. They helped prevent the liberalization of society in a Union that had been a dictatorship.
When Mikhail Gorbachev took the reins of the Communist Party in 1985, he set about introducing civil rights, a free press and all the trappings of a democracy.
Instead of supporting him in these undertakings, the two ant-Communist heroes undermined him. A totalitarian system cannot be changed entirely overnight, but Gorby certainly did his best.
Unfortunately, the economy didn’t pick up, so Gorby wasn’t as popular at home as he was abroad. He was trying to take it step by step with the goal of forming a Soviet Commonwealth.
The West egged him on, and his friend, Ronnie said: “Mr. Gorbachev, tear down this wall,” referring to the Berlin Wall!” The negotiator sent to make things happen fast was Condoleezza Rice.
What happened? Gorby cleared out of East Germany, let it go to NATO, and got a pittance for doing so.
Now Gorby had more or less been brought to the edge. The Russian generals said something to the effect of, “This is madness. We have just lost World War II, and we must put an end to having a political Santa Claus in the saddle.” A coup was staged in 1991.
Boris Yeltsin stepped onto the stage, put it down, pushed Gorby over the edge and took over. That signified the end of all the reforms.
Every republic wanted to go it alone, and some took a bloody path. Now blood is flowing again. Yeltsin was a drunk and a demagogue in that order. He let things slide, and in 1999, when they got too far out of hand, he turned the country over to Vladimir Putin, the former KGB man. The Union is broken up; the reforms went down the drain. Repression and terror reign supreme in Russia and most of the former republics. Russia is still equipped with a nuclear arsenal, and Alexander Putin is more erratic than his former comrades. Since Gorby’s departure hundreds of journalists have been sentinto the next world. Gorby was relegated to speaking tours and doing TV commercials for Pizza Hut and the Austrian National Railways, too humiliating to describe.
The world would have been a lot better off if Gorbachev had taken the slow but certain road – minus the ads. But what’s the sense of wishful thinking in hindsight? We’ve got the world that we have.
What happened?!
Old Days became New Days.
And what have we got?!
The Hungry Bear’s appetite became insatiable again and he stated gobbling up anew. Ukraine is his first meal.
Thank you Ron and John!

____________________________________________

Prof. Mag. Dr. Robert Streibel
Vorstandsmitglied des PEN-Clubs Austria

Liebe Anna,
 
wir hatten eine schöne Zeit, aber ich fürchte wir werden uns jetzt längere Zeit nicht mehr sehen. Man könnte sagen, so ist das Leben, so ist es in Zeiten des Krieges, wenn zwei Menschen plötzlich auf unterschiedlichen Seiten aufwachen. Aufgewacht bin ich am 24. Februar.

Abschiedsbriefe sind wie Beileidsbekundungen oft mit Floskeln gespickt, wer weiß schon was er in so einer Situation sagen soll. Eines ist klar: Das ist eine Trennung, nichts anderes. Bei jeder Trennung ist die Schuldfrage auch eine Frage der Perspektive.
Wir haben uns nicht gut gekannt, begegnet sind wir uns ja wirklich nur zwei Mal, mit Abstand natürlich, einmal als Du damals mit dem Rad in Salzburg zu einer Signierstunde gekommen bist und dann in der Staatsoper, als ich mir ein Herz auf die Rückseite meiner rosa Krawatte malen ließ. „Are you sure?“ hast Du damals gesagt. Ich war sicher, denn es war aufregend Dir zuzuhören.
Bei jeder Trennung stellt sich die Frage, war alles falsch? Wer kann das schon sagen, aber jetzt berührt zu sein, wenn jemand im Schnee friert und sich zu Tode hustet, wenn andernorts wirklich gestorben wir, nicht durch Krankheit, sondern durch einen Krieg, das würde ich nicht ertragen.
Selten führt ein ganzes Volk einen Krieg, manches Mal passiert es, dass ein Volk aufwacht und sich wehrt so ist das heute in der Ukraine.
Niemand verlangt eine Verdammung Deiner Heimat, Deiner Kultur, Deiner Geschichte, aber wer sich gegen so eine Anmaßung wehrt, der sollte nicht vergessen, dass Kriege nicht ausbrechen, sondern begonnen werden und es ist gleichgültig ob die Entscheidung auf einem langen oder kurzen Tisch gefällt wird und es ist gleichgültig welche Fahne dahinter weht. Dieser Krieg ist nicht ausgebrochen, sondern wurde angeordnet und die Begründung ist so abstrus wie manches Libretto einer Oper. Die Folgen sind leider im Leben anders als auf der Bühne, wo nach jedem Tod eine Verbeugung folgt.
Mit historischen Vergleichen ist es wie mit Beileidskundgebungen, sie klingen immer irgendwie falsch. Einen Fehler einzugestehen ist nie leicht, aber die Heimat ist sehr oft bei jenen, die nicht geachtet, die vertrieben sind, Dein Land hat dafür viele Beispiele geliefert. Ich will die Erinnerung nicht auslöschen, denn das haben andere gemacht. Memorial ist Geschichte und der millionenfache Tod soll nicht mehr gedacht werden, so wird es in Deinem Land verlangt, so wird es angeordnet. So bleibt mir nur Adieu zu sagen. Wer weiß ob wir uns je wiedersehen. Vielleicht, wer weiß, auch wenn ein Happy End so unwahrscheinlich ist wie wenn die Böswichte in die Hölle fahren.

Prof. Mag. Dr. Robert Streibel
Vorstandsmitglied des PEN-Clubs Austria
www.streibel.at

Aufruf zu Beiträgen für eine Texte-Sammlung
Stimmen gegen den Krieg der IG Autoren vom 2.3.2022
Den Brief gibt es auch auf Spotify zum Nachhören: