Henri Cole – Der sichtbare Mensch / The visible man – herausgegeben und übersetzt von Hans Raimund

The diver descends naked,

until exhausted, drawing up the sink – stone,

then the oysters, only to plunge again

into the onyx river, which, like love,

cannot grant one everything

while transfiguring the color, form,

and meaning of existence.

 

Der Taucher sinkt nackt hinab,

bis er, erschöpft, die Gewichte hochzieht,

dann die Austern, nur um sich wiederum

in den Onyxfluss zu stürzen, der, der Liebe gleich,

einem nicht alles gewährt,

während er die Farbe umwandelt, die Gestalt

und die Bedeutung der Existenz.

 

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Aus gegebenem Anlass

Heiß ist er der Sommer. Wahrscheinlich viel zu heiß! Abkühlung wird gesucht. Man plätschert im Meer oder wandert durchs Gebirge, manche nehmen sich ein Bahnticket und machen eine schöne Reise, um sich zu erholen. Ist die Sommerpause wirklich angebracht? Die Taliban haben Afghanistan wieder in Besitz genommen. Die ersten Berichte über Tötungen, Vergewaltigungen und Zwangsverheiratungen von Frauen und Mädchen sind über die sozialen Netzwerke und ausländische TV-Stationen bekannt geworden. Bedroht sind all jene Frauen und Männer, die während der letzten zwanzig Jahre an die Entstehung eines demokratischen Staats in Afghanistan geglaubt und daher auch mitgewirkt haben.
Während die deutsche Bundeskanzlerin Angelika Merkel die Verhältnisse in Afghanistan als „bitter, dramatisch und furchtbar“ beschreibt, hält der österreichische Innenminister Karl Nehammer unbeirrbar an Abschiebungen fest und sollte dies gar nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention einhergehen, will er Lager in den Nachbarstaaten errichten. Das nennt sich Hilfe vor Ort.
Noch beredter ist das Schweigen vieler österreichischer PolitikerInnen. Sind sie womöglich auf Urlaub? Wäre nicht der Moment gekommen, eine überparteiliche Plattform zu bilden und – auch gegen die Parteiräson – zu fordern, Afghan*innen unverzüglich in Österreich aufzunehmen? Die Namen der Schriftstellerinnen, Malerinnen, Bildhauerinnen, Musikerinnen, Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftlerinnen sind bekannt. Es ist keine Zeit zu verlieren, auch nicht in der Urlaubssaison.
Marion Wisinger, Beauftragte für Writers in Prison
Helmuth A. Niederle, Präsident Österreichischer PEN Club

Neu in der edition pen

“Jedes Fest führt zur Enttäuschung und zu neuer Hoffnung – im Leben des Einzelnen genauso wie in der kollektiven Geschichte mit ihren stets nur vorläufigen Triumphen. Dies ist einer der Leitgedanken des auf Okzitanisch verfassten, monumentalen Romans LA FESTA von Robert Lafont.”

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Aus gegebenem Anlass

Ja, Karl Nehammer hat recht, wenn er feststellt, „das europäische
Asylsystem ist gescheitert“. Allerdings vergaß er hinzuzufügen, dass
Politiker*innen wie er es sind, die das Scheitern verursacht haben. Er
hat selbstverständlich recht, wenn er meint: „Wir brauchen bessere
Verfahrungsabläufe.“ Sein Rechthaben endet allerdings dort, wenn er
die Europäische Union auffordert, „uns“ – damit meint er diejenigen, die am Ausbau der Festung Europa werken, die Möglichkeit zu
geben, eine vollkommene Abschottung zu erreichen. Und gar nicht recht hat der Herr Innenminister, wenn er meint, dass es grundsätzlich keinen Grund für einen Afghanen geben kann, in Österreich einen Asylantrag zu stellen. Da scheut er auch nicht davor zurück, die Genfer Flüchtlingskonvention anzuführen, denn die „ist unser stärkster Verbündeter. Die besagt nämlich, dass sich nicht jeder aussuchen kann, wo er seinen Antrag stellt, im Gegenteil, Ziel ist es, Menschen in Bedrohung Schutz zu gewähren. Und das ist eben in den Nachbarstaaten.“
Wenn Karl Nehammer sich zu solch einer Behauptung versteigt, drängt sich die Frage auf, weiß er, welche Staaten rund um Afghanistan liegen? Können in einem dieser Länder Flüchtende tatsächlich sicheren Unterschlupf finden? Werden in diesen Ländern Menschenrechte geschützt? Vielleicht sollte sich Minister Nehammer einmal eine Weltkarte ins Büro hängen, um sich geographisch auf Vordermann zu bringen. Karl Nehammer meint: „Es hat keinen Sinn, sich auf den Weg zu machen und 5.000 Dollar der organisierten Kriminalität in den Rachen zu werfen.“ Wer wollte ihm ernsthaft widersprechen? Geordnete und vor allem legale Wege aus der Todesgefahr wären der beste Weg, um die organisierte Kriminalität einzudämmen. Stattdessen fordert er verstärkte Abschiebungen nach Afghanistan „so lange es geht“. Obwohl er von der Voraussetzung ausgeht, dass die Taliban demnächst die Macht übernehmen werden, schickt er Menschen in den sicheren Tod.
Sollten Abschiebungen nicht mehr möglich sein, „müssen wir den
dänischen Weg gehen mit Kooperationspartnern, die bereit sind, diese Menschen vorübergehend aufzunehmen, bis wir zurückführen können“, so Nehammer. Seit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Jahr 1979 ist das Land in einem katastrophalen Zustand und nichts deutet darauf hin, dass während der nächsten Jahrzehnte eine friedvolle und menschenrechtskonforme Entwicklung stattfinden wird. Das muss auch Nehammer wissen. Oder nimmt er in Kauf, dass Abgeschobene für die nächsten Jahrzehnte in irgendwelchen Lagern vegetieren? Karl Nehammer fügt der österreichischen Zeitgeschichte ein weiteres trauriges Kapitel hinzu.
Helmuth A. Niederle
26. VII. 2021

Neu in der edition pen

H.G. Adler: Sodoms Untergang. Gesammelte Erzählungen. Band 2

H.G. Adlers “Gesammelte Erzähungen” entstanden in einem beinahe fünfzigjährigen Schaffensprozeß von 1938 bis Mitte der achtziger Jahre. Sie sind in dieser Ausgabe in fünf chronologisch gereihten Bänden erstmals umfassend veröffentlicht.

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