Kommunikation ist Natur

VON: Jean-Marie Gustave Le Clézio

übertragen ins Deutsche von Jürgen Strasser
Der hier wiedergegebene Text war eines der Grundsatzreferate am 78. Kongress des Internationalen PEN in Gyeongju, Südkorea. Er greift wesentliche Fragen auf, die den PEN in seiner Arbeit beschäftigen.

Jean-Marie Gustave Le Clézio

Jean-Marie Gustave Le Clézio am P.E.N.-Weltkongress 2012; © H. A. Niederle

Wir können es nicht bezweifeln.

Die menschliche Sprache ist Teil der lebenden Welt, in derselbe Weise wie physikalische Gesetze oder instinktives Benehmen. Die Natur ist nicht Teil der Sprache; umgekehrt ist jedoch die Sprache Teil der Natur. Die Natur bestimmt die menschliche Sprache, gibt ihr Grenzen und macht sie verstehbar. Zunächst möchte ich auf die existenzialistische Philosophie verweisen, insbesondere jene Ludwig Wittgensteins, der in seinem Tractatus logico-philosophicus wohl meinte, dass alles, was existiert, benannt werden sollte und dass man, sobald man sich nicht klar ausdrücken könne, still bleiben sollte?

„Was überhaupt gesagt werden kann, sollte klar gesagt werden; und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ 1

Das Gegenstück zu diesem Pessimismus ist eine positive Denkweise: sie legt offen dar, dass es eine enge Verbindung zwischen Mensch und Natur gibt, und dass alle verschiedenen Mittel des sprachlichen Ausdrucks mit der Natur verbunden sind; und deshalb sind sie trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede voneinander abhängig und nötig.

Nichts desto weniger haben wir alle die Freiheit, die Gabe der Kommunikation in ihrer Übereinstimmung mit unserer Lebensumwelt zu schätzen. In anderen Worten, der Unterschied zwischen den Kommunikationsarten – schriftlich, mündlich, virtuell oder durch jegliches andere Medium – ist bloß eine Frage von Zielsetzung und Abstufung. Welchen Wert auch immer wir diesen Mitteln beimessen, wir können nicht behaupten, dass eines dem anderen überlegen sei – so möchte zum Beispiel jemand die Literatur der Geschichtsschreibung vorziehen, gemäß der vom Platonismus inspirierten Formulierung Emersons (was die Wirklichkeit betrifft, ist die Dichtung der Wahrheit näher als die Geschichte) – oder jemand möchte audiovisuellen Medien gegenüber Büchern den Vorzug geben.

Doch diese Gegenüberstellung von Medien ist in Wirklichkeit ein Schattengefecht, denn schließlich wird Wissen oder das Streben nach Wirklichkeit nur im menschlichen Gedächtnis erreicht; und was wäre schon der Wert der Zeichen und Symbole vergangener Kulturen ohne die Schlüssel, um sie zu verstehen?

Vor kurzem habe ich in einem Vortrag bei einem internationalen Verlegersymposium in Seoul mir vorzustellen versucht, wie unsere Welt ohne Bücher ausgesehen hätte. Ich bezog mich auf eine gar nicht so weit zurückliegende Zeit, als es gedruckte Bücher noch nicht gab. Die Griechisch-Römische Kultur beispielsweise kannte nicht das Buch, wie es heute existiert. Die großen philosophischen und literarischen Texte – Platon, Hesiod, die Tragödien von Euripides und Sophokles, die inspirierten Verse Homers und Vergils oder von Horaz – wurden von Hand abgeschrieben – manchmal mit Schreibfehlern – und bandweise verkauft in Form von Rollen, die in Futteralen wie Landkarten aufbewahrt wurden. Die Griechen und Römer waren nicht die einzigen Völker, die ihr verschriftetes Gedächtnis auf diese Art aufbewahrten. In China, in Korea, in Ägypten, im alten Mexiko gab es solche Bibliotheken mit ähnlichen Handschriften. Aber wegen des Mangels an Vervielfältigungstechniken waren diese Bücher oder Rollen das Vorrecht von Priestern oder Mandarinen, die das Monopol auf Wissen hatten. Der größte Teil der Bevölkerung wurde in Unwissenheit gehalten; sie sollten als Randerscheinungen in ihrer eigenen Kultur leben, vollkommen dem Gesetz der Eliten unterworfen, die das Wissen innehatten. In solchen Gesellschaften wurde dem Volk keine Freiheit und praktisch keine Möglichkeit zur Beteiligung gegeben. In einigen seltenen Fällen gab es Einrichtungen, die den Weg zur Demokratie erahnen ließen, wie in China, in Afrika oder im alten Mexiko.

In demselben Vortrag erwähnte ich als Beispiel die Mayakultur im Süden Mexikos. Während der klassischen Epoche (7. Jh. n. Chr.) bildeten die Mayas einen Bund von Königreichen, die Techniken und Kenntnisse entwickelt hatten, welche im Vergleich eindeutig weiter fortgeschritten waren als das damals Übliche: in der Architektur, bei Bewässerungsanlagen in der Landwirtschaft und besonders in den reinen Wissenschaften wie Mathematik und Astronomie waren die Mayas weit voraus. Vor allem der Mayakalender war ein Wunderwerk an Präzision, fußend auf der Beobachtung der drei Haupthimmelskörper Sonne, Mond und Venus. Die Zeitrechnung führte mit den nötigen Korrekturen einen Kalender mit sehr geringer Fehlerquote – eine Stunde alle 400 Jahre – was ihn zum genauesten seiner Zeit werden ließ. All dieses Wissen wurde in Büchern bewahrt, die aus verschiedenen Arten von Feigenbaumpapier hergestellt, mit Leim aus Wildorchideen geklebt, fächerartig gefaltet und mit Natriumsalz gebleicht wurden, worauf dann Texte und Abbildungen in Form von Hieroglyphen gemalt wurden. Andere Zeichen wurden auf Kalzitsteinen eingeritzt, welche bisweilen Daten mit Auskünften über eine Vergangenheit von Millionen von Tagen tragen.

Dennoch verschwand diese Kultur gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus uns völlig unbekannten Gründen. Als die Spanier 1520 Mexiko betraten, fanden sie nichts als Ruinen vor und eine von ihrer legendären Vergangenheit völlig abgekoppelte einheimische Bevölkerung – noch heute schreiben die Nachkommen der klassischen Mayas die in ihren Landen und Wäldern zahlreich vorkommenden Bauwerke einem magischen Zwergenvolk zu!

Bischof Diego de Landa, der den Konquistadoren Francisco de Montejo in Yukatan begleitete, erachtete es für die Bekehrung der Mayas als nötig, auf dem Hauptplatz der Stadt Mani 1540 all ihre Bücher zu verbrennen. Was er nicht verstanden hatte, war, dass die heiligen Bilderzeichen der Mayas bereits verloren gegangen waren und er ein leeres Gedächtnis niederbrannte. Dies erinnert uns an den berühmten Ausspruch des französischen Dichters Paul Valéry (knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs): „Wir, die Hochkulturen, wissen jetzt, dass wir sterblich sind“.2

Doch zurück zum Beispiel der klassischen Mayas – und wir hätten ebenso das Ende der Griechischen und Lateinischen Welt, den Fall Babylons oder den Zusammenbruch der großen afrikanischen Reiche Bornu oder Songhai nennen können – was diese von unserer modernen Gesellschaft unterschied, ist das Nichtvorhandensein von Büchern. Das fehlende Teilen in der Kultur. Diese heroischen und großartigen Königreiche erfanden ja sehr wohl Wissenschaft und schufen wunderschöne Dichtungen, aber ihre Grundlage war Ungleichheit. Solche Gesellschaften waren auf Gewaltherrschaften gegründet, wo die Autorität eines Priesters umgeben von einer Armee absolute Macht ausübte. Solche Gesellschaften waren zerbrechlich: eine Palastrevolte, ein Aufstand hungriger Bauern (was wahrscheinlich eben den Maya widerfahren war), eine Epidemie oder ein Erdbeben konnten sie leicht zu Fall bringen. Die von Hand vervielfältigten Buchbände wurden verbrannt, die Tempel zerstört und innerhalb einer Generation das gesamte Gedächtnis ausradiert. Was übrigblieb, waren bloß Ruinen voll Gravuren von Zeichen und Symbolen, die für die Überlebenden keine Bedeutung mehr hatten.

Deshalb war die Erfindung des Buchdrucks ein so bedeutsamer Zeitpunkt in der Geschichte unserer Welt. Er bezeichnete das Ende von Vorrechten und den Beginn des Teilens von Wissen. Der Soziologe Marshall Mac Luhan verglich diese Revolution mit der Entdeckung einer Galaxie, Die Gutenberg Galaxis3 , nach dem deutschen Handwerker, der die chinesische und koreanische Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern für die Vervielfältigung von Büchern verbesserte – und bezeichnenderweise war das erste in Europa gedruckte Buch eine Bibel.

Natürlich nahm der Fortschritt einen sehr langsamen Gang. Für die nächsten Jahrhunderte waren Lesen und Schreiben das Vorrecht einer Minderheit. Während der Renaissance hatte in Europa lediglich eine Handvoll Menschen Zugang zu Büchern. Und wenn die Lutheraner auch das Studium der heiligen Schriften hochhielten, so war dem Rest der Christenheit der Zugang zur Bibel verboten – wahrscheinlich aus Angst vor einer kritischen Analyse. Was die Texte der Antike angeht, so wurden sie mal hier mal da in kleinen Mengen in Umlauf gebracht und sollten bald in jenem unzugänglichen Reservat namens „Index“ ihr Ende finden – der verbotenen Bibliothek des Vatikan.

Die eifrige Liberalisierung von Wissen durch Bücher deckt die Parallele zwischen menschlicher Daseinsbedingung und den Ausdrucksmitteln auf. Diese fortschreitende Entwicklung ist immer schon konstant gewesen seit der Gewaltherrschaft von Hohepriestern und Wundertätern bis zum Aufkommen einer politischen Verfassung und der Herausbildung eines umfassenden Gesetzeswerks. Wir müssen dennoch einräumen, dass generell die Gesellschaft hinter der Entwicklung der Ideen zurückbleibt. In Frankreich setzten sich im 18. Jahrhundert die selbsternannten „Philosophes des Lumières“ (Philosophen der Aufklärung) Montesquieu, Voltaire und Condorcet für eine neue Gesellschaft ein, in der die Menschen gleich und frei sein sollten, zur gleichen Zeit jedoch konnte in deren Überseekolonien ein afrikanischer Sklave unter Peitschenhieben sterben, weil er es gewagt hatte, ein Buch zu berühren – sogar eine Bibel.

Einige großartige Bücher haben zur Förderung des Humanismus beigetragen: abgesehen von den berühmten Romanen von Harriet Beecher Stowe oder Claire de Duras, haben einige Bücher der Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei Vorschub geleistet, unter ihnen die 1820 veröffentlichte außergewöhnliche Offenlegung eines früheren Sklaven, Equiano Oloudah, in dem der Autor sein Leben von seiner Gefangennahme als Kind in Nigeria, sein Dasein auf der Plantage bis hin zu seinen Abenteuern als Seemann zwischen England und den Vereinigten Staaten erzählt.

Zugang zur Information ist das Hauptereignis in der Weltgeschichte. Zwischen Anfang des 19. Jahrhunderts und der heutigen Zeit ist die Menschheit als Ganzes vom Zeitalter der Geheimhaltung in jenes der Publizität übergegangen (damit meine ich die Erfindung der Öffentlichkeit). Dieser Wechsel nahm je nach Land verschiedene konkrete Ausformungen an. In den meisten Industrieländern war der Zugang zum Lesen und Schreiben wirkungsvoll (obwohl in Frankreich beispielsweise teilweiser Analphabetismus nach wie vor ein Prozent der Bevölkerung umfasst) – in den sogenannten Entwicklungsländern jedoch, in Afrika, Lateinamerika oder Südostasien, erreicht der Analphabetismus hohe Raten. Um mein kleines Herkunftsland, die Insel Mauritius, zu nennen, es umfasst dort die Anzahl der nicht Lese- und Schreibkundigen trotz der Anstrengungen der Regierung 30 Prozent der Bevölkerung, vornehmlich in der sogenannten „kreolischen“ Gemeinschaft, und darin wieder besonders den weiblichen Teil der Bevölkerung. In arabischen Ländern ist die Alphabetisierung in Verbindung mit den Koranschulen in der männlichen Bevölkerung wirkungsvoll, aber Frauen, denen der Zugang zu Schulen fehlt, werden immer noch vom Fortschritt ausgelassen.

Die Ergebnisse sind jedoch in steter Entwicklung. Dank der Politik der Regierungen und der Bemühungen humanitärer Organisationen geht der Analphabetismus in den meisten Teilen der Welt zurück. Wir dürfen hoffen, dass diese Plage Ende dieses Jahrhunderts ausgerottet sein wird. Der Erfolg anderer Ideale, Demokratie, Gleichheit der Geschlechter, und eines Tages das Ende der Armut hängen stark von diesem Kampf für die Alphabetisierung ab.

Dennoch spielt sich gegenwärtig weltweit eine neue Art des Analphabetismus ab, welche vor allem die entwickelten Länder heimsucht: Dieses Übel hat seine Wurzeln in Bildungsmängeln, in der Schaffung neuer Gettos von Einwanderern, und bereitet den unfruchtbaren Nährboden für Arbeitslosigkeit und Motivationsmangel der Jugend. Dieser Teil der modernen Jugend gibt die Schule auf und kümmert sich nicht darum, arbeiten zu gehen – in Spanien werden sie mit dem Spitznamen nini bedacht, ni estudia, ni trabaja („lernt nix, rackert nix“) – und lebt am Rand der Gesellschaft, wobei er für sich selbst seinen eigenen Wertekanon und kulturelle Bezugspunkte aus dem Underground erfindet. Es besteht kein Zweifel, dass wir für diesen Teil unserer zeitgenössischen Jugend die sozio-ökonomischen Widersprüchlichkeiten lösen müssen.

Ich habe von der neuen Ära der allgemeinen Kommunikation gesprochen, in der zu leben wir dank der neuen Medien und im Besonderen der audiovisuellen Medien Kino, TV und am meisten von allen Internet gelernt haben.

In Wahrheit leben wir jetzt in einer mit Information gesättigten Welt. Die Schnelligkeit der Kommunikation, die Entwicklung spezialisierter, gänzlich dem Senden von Nachrichten und Kommentaren gewidmeter Strukturen – was man universellen Tratsch nennen könnte – haben uns zu den Überträgern und zum Sammelbecken eines unbekannten und bisweilen verlorenen Selbstvertrauens gemacht.

Solch virtuelle Wörter würden jeden schwindlig werden lassen. Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens verbunden mit den Bildschirmen unserer PCs, haben wir Zugang zu Informationen und Gegeninformationen, zu Nachrichten und deren Dementi.

Einer der bemerkenswerten Fälle ereignete sich im Jahr 2000 während der gewalttätigen Kämpfe, in welchen palästinensische Einheiten im Gazastreifen israelischen Besatzungskräften gegenüberstanden. Als Beweis für die Grausamkeit der Armee wurde im Fernsehen ein Video gezeigt, das Bild eines zwölfjährigen palästinensischen Buben, Mohamed al-Durrah, der mit seinem Vater einen Zufluchtsort suchte und schließlich von den Angreifern getötet wurde. Als Antwort auf den weltweiten Aufschrei des Entsetzens, versuchten von der israelischen Regierung gemachte Bilder zu beweisen (bloß wie?), dass dieses Kind in Wirklichkeit von einem palästinensischen Heckenschützen getötet worden war. Eine weitere Untersuchung derselben legte einige Zeit später die Vermutung nahe, dass das fragliche Kind nicht getötet, sondern für Propagandazwecke in Gaza versteckt worden war. Die Wahrheit mag schwierig herauszufinden sein, die zahlreichen Informationen und Fehlinformationen könnten jedoch die einzige unbestreitbare Wahrheit verbergen, nämlich dass ein zwölfjähriges Kind nicht in einem bewaffneten Konflikt getötet werden sollte, was immer auch dessen Ursache sein mag.

Andererseits, wer könnte einfordern, in einer Welt zu sein, wo alles sichtbar ist und Schatten und Geheimnisse auf den Privatraum beschränkt sind (und selbst dieser gerät mehr und mehr in den Blick der Öffentlichkeit)?

In einer anderen Rede vor dem distinguierten Publikum der Nobelakademie hatte ich, um den raschen Fortschritt des Internets hervorzuheben, mir den kritischen Effekt vorgestellt, den ein solches Medium 1930 auf die politische Kampagne Adolf Hitlers gehabt hätte und dass ein solch machtvoller Spiegel den Aufstieg der Nazi-Bewegung mit ihrem lächerlichen Brimborium und ihrem Herumgealbere nach Art von Schauerromanen gestört hätte. Manche mögen einwenden, dass ein derartiges Medium dann von den Faschisten zensuriert und zum Schweigen gebracht worden wäre: aber es ist eben genau die grundlegende Freiheit des Internets und die Unmöglichkeit, es komplett zu zensurieren, die ihm seine Macht verleiht.
Auf diese Weise haben die neuen Medien es geschafft, in nur wenigen Jahren etwas zu vollbringen, was weder die geschriebene Presse noch die Bücher zustande zu bringen vermochten, nämlich eine freiere und vernünftigere Welt. Die jüngsten sozialen Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen haben offen dargelegt, dass die Rolle der unmittelbaren Kommunikation durch Internet und Mobiltelefon maßgeblich für das Streben der Bevölkerung nach Freiheit war. Die heutigen Gewaltherrscher haben jeden Grund, freie Information zu fürchten, und es liegt auf der Hand, dass wo immer Medien versteckt werden, Schrecken herrscht. Was für einen faszinierenden Fortschritt haben wir durchlaufen seit der Zeit der Wandzeitungen und Pamphlete der Mao-Zeit, ganz zu schweigen von den mit kleinen Druckerpressen der Marke Roneotype vervielfältigten Flugblättern meiner Jugend!

Nun müssen wir aber auch die Schwächen solcher Medien betrachten, nicht nur aufgrund der Vielschichtigkeit von Information, die manchmal die Wahrheit verwaschen kann wie im Fall des jungen in Gaza ermordeten Mohamed, sondern auch aufgrund der relativen Teilnahmslosigkeit, wenn nicht gar des Dahindösens, in welche die Menschen geworfen werden. Wir müssen in der Tat die steigende Welle des Konformismus fürchten: während geschriebenes Material und Bücher – und damit meine ich vor allem Literatur – dank ihrer langsamen Gangart und ihrer gemessenen Allüre und auch dank ihrer besonderen Originalität namens „Stil“ – Überlegen, Austausch und Kritik erlaubt, bringen im Gegenzug die audiovisuellen Medien die Verlockung des „Klischees“ und begünstigen Vorurteile und Konformismus.

Ist es das Gesetz großer Zahlen? Oder könnten die Publizisten dafür verantwortlich sein, die so eifrig darauf bedacht sind, alles unmittelbar (= mittels der Medien)4 zu verbreiten? Könnte es eine Art Selbstzensur sein oder sogar Zensur im echten Sinn des Wortes, die alle Unterschiede wegstutzt und alles vermeidet, was vermeintlich nicht mehr dem Geschmack entspricht? Seien wir doch nicht naiv. Diese Art von Willfährigkeit hat es immer schon gegeben. Man könnte in der Odyssee eine Überhöhung des Panhellenismus erkennen, in den Werken Ciceros den Sieg der Oligarchie über die Republik, in den Paulusbriefen können wir den aggressiven Stolz des Römischen Bürgers gegenüber besiegten Völkern herauslesen. Das Buch, insbesondere Literatur, besitzt die Qualität der Perspektive, welche es einem erlaubt, sich einen Leserhythmus auszusuchen, über den Text nachzudenken und ihn zu hinterfragen. Zu viel Gewissheit kann die geistige Gesundheit schädigen. Und es ist sehr gut möglich, dass die Menschen in hundert oder fünfhundert Jahren unser Zeitalter der Internetentdeckungen sehr harsch beurteilen werden, und wie wir per bloßen Knopfdruck auf einen Computer oder ein Mobiltelefon uns zu Allmacht und Allwissen befugt wähnten.

Es muss die Aufgabe zukünftiger Generationen sein, mit instinktiver Vorsicht und Misstrauen eine virtuelle Welt zu betrachten, die heutzutage unter der Herrschaft von Fehllogik, Bulimie und manchmal sogar Denunziation steht.

Ende des 8. Jahrhundert begann, folgend dem Edikt Papst Leos III.5, in Byzanz eine kleine Gruppe Fanatiker unter dem Namen Ikonoklasten (wörtlich Ikonenzerbrecher) einen Krieg gegen Bilder. Ihre Zielsetzung war vornehmlich religiös: sollte der Mensch Gottesbilder annehmen selbst um den Preis, dadurch das Bild mit der Wahrheit zu verwechseln und somit die Sünde der Götzenverehrung zu begehen? Die Juden, die Muslime hatten bereits – und man sollte nicht vergessen zu erwähnen, dass die Sekte der Ikonoklasten zur selben Zeit aufkam wie der Aufstieg des Islam im Nahen Osten – das Verbot jeglicher Darstellung, sei es diejenige Gottes oder jene des Menschen, als Grundsatz durchgesetzt. Dieses Verbot gab Anlass zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, und fand neuen Antrieb mit der protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert in Europa.

Der so genannte „Bilderkrieg“ gehört heutzutage, abgesehen von ein paar Fanatikern, der Vergangenheit an. Selbst die Radikalsten der Moslems und Juden besitzen ein Mobiltelefon und benutzen es, um Bilder zu machen. In gewisser Weise hat die Entstehung der abstrakten Kunst den Wettstreit obsolet gemacht. Nach Gemälden haben Filme große Helden und Heilige aller Religionen dargestellt. Dennoch können wir das Misstrauen gegen alles Virtuelle mit dieser althergebrachten Thematik in Verbindung bringen. Heutzutage sind Bücher mit dieser neuen virtuellen und unmittelbaren Kultur konfrontiert, und dies bedeutet, dass wir in gewisser Hinsicht immer noch vom vorherrschenden Wert der Sprache über das Bild überzeugt sind. Zu Beginn dieses Vortrags habe ich auf den Platz der menschlichen Sprache in der Natur hingewiesen. In diesem Gesichtspunkt unterscheidet sich der Mensch nicht grundlegend von den Tieren. Er ist dazu verurteilt, in einem Geflecht von Austausch und Anpassungen zu leben und muss in einem Handlungsverlauf teilnehmen, der sich von seiner Geburt bis zu seinem Tod abwickelt. Die Substanz des Gedankens ist aus den Worten der Sprache gemacht, und die Abfolge von Bildern, selbst wenn sie spektakulär sind, hat keine Bedeutung, wenn diese nicht in Worte übersetzt sind. Schließlich finden wir uns selbst nahe an der Idee der Ikonoklasten in unserer Überzeugung, die wie in der Religion davon ausgeht, dass es keine Nachahmung der Wirklichkeit geben könne. Kunst hat daher bloß eine bejahende Sicherheit, nämlich dass der Mensch in der Mitte der Natur steht, nicht als ein Herrscher oder Eigentümer, sondern als aufgeklärter Diener der Natur. Bloß die Sprache (die menschliche Stimme) vermag durch ihre Abstrahierung, ihren Tonwechsel und ihren Rhythmus das Erhabene auszudrücken. Durch die Sprache gelangt der Mensch näher an die Vollkommenheit.

Kommen wir zurück zur Literatur: was sie von anderen Medien (und im Speziellen von den heutigen virtuellen Medien) unterscheidet, ist die Tatsache, dass Literatur nicht die Sinne anspricht, sondern den Intellekt. Dies lässt Literatur dem instinktiven Benehmen der Tiere nahekommen, nicht wegen ihrer Heftigkeit, sondern weil sie aus Rhythmus geschaffen ist. Was sie vermittelt, steht dem Mysterium näher als der Technik. Näher dem Sein als dem Handeln. Selbst in ihren modernsten Verkörperungen reicht Literatur an die Urformen heran, eben jene Urformen, die verwendet wurden, um die menschliche Zivilisation aufzubauen: Mythen, epische Gedichte, Jagdgeschichten oder Liebesromanzen.

Im Gegensatz zu den kurzlebigen und flüchtigen Bildern der Medien verbindet Literatur Epochen und Kulturen, schafft eine Zeitspanne, die länger andauert als das menschliche Leben. Wir brauchen nicht in der Zeit Vyasas in den indischen Königtümern zu leben, um die Dichtung des Mahabharata lesen zu können und von der schönen Liebesgeschichte zwischen König Nala und seiner Frau Damayanti ergriffen zu sein, die sich im Dschungel verirrt hatten. Wir brauchen nicht an das Ideal der alten muslimischen Sufi zu glauben, um die Allegorie des Mantiq ud-Tair zu verstehen, der Konferenz der Vögel, die vom türkischen Dichter Farid ud-Din Attar 1177 geschaffen wurde.6 Ich habe diese Beispiele nicht zufällig ausgewählt: sie ermöglichen mir, auf meine Definition von Kunst und Literatur zu Beginn dieses Vortrags zurückzukommen. Im Allgemeinen sind alle von der Menschheit erfundenen Kommunikationsmittel (und träumen wir doch von neuen Mitteln in der Zukunft, die noch deutlicher und vollständiger als unser gegenwärtiges Herumgestammel mit Internet sein werden) Teil der Natur, in derselben Weise wie das Singen der Vögel, die Stridulation der Maemi 7, der Zikaden, die jeden Sommer den Autolärm in der großen Stadt Seoul übertönen.

Gewiss, wir sollten uns nicht ängstigen vor dem Herannahen dieses neuen Zeitalters, wo sich der Mensch in einem noch nie zuvor erreichten Grad inmitten des Gewebes einer Leinwand von Kommunikation befindet. Im Gegenteil, mir scheint dies ein gutes Omen für Demokratie und Weltfrieden zu sein. Wenn ich weiterhin von der Literatur überzeugt bleibe und immer noch in das Buch in seiner materiellen Form vertraue, so deshalb, weil diese Ausdrucksformen alles an sich haben, um in einer Welt von Beziehungen zu bestehen, in der Austausch zwischen Kulturen und Sprachkenntnis so wichtig sind. Die Reife, die wir erlangen müssen, ist mit dem Vertrauen in Kommunikation verbunden. Von Zeit zu Zeit können wir vielleicht die gehässige Stimme jener vernehmen, die der Zeit nachweinen, als das Buch der einzige Wissensträger und die Fähigkeit zu schreiben die Messlatte für eine hoch entwickelte Kultur war. Doch die neuen Medien treten in keinen Wettbewerb mit den alten; im Gegenteil, sie bringen jene zu einem neuen Dasein. Durch Internet werden Bücher einem breiteren Publikum zugänglich (und sie werden es immer stärker werden), und zwar auf eine demokratische Weise. Zweifellos wird die Bibliothek der Zukunft nicht jener ähnlich sehen, die wir bis zu unserem gegenwärtigen Jahrhundert gekannt haben. Michel Butor, ein Autor der Stilrichtung des Nouveau Roman, pflegte vorherzusagen, dass in der Zukunft Bücher von Computern erfasst und in künstlichen Bibliotheken im Weltraum in eigenen Satelliten aufbewahrt werden würden, zu denen jeder auf der Erde Zugang haben würde. Das dürfte nicht einmal nötig sein. Das Netz virtueller Bibliotheken sollte einen direkten Zugang zu Büchern ermöglichen. Eben das von den Ikonoklasten und den Puristen der Literatur so sehr gefürchtete Bild könnte schließlich die Literaturliebhaber zum Objekt ihrer Begierden führen. Ich mag es, davon zu träumen, dass es immer irgendwo, egal, wie schwierig die Lebensbedingungen sein mögen, ein Kind geben wird, das seine Augen von den virtuellen Bildern abwenden und von seiner Neugierde geleitet die Seiten einer jener fabelhaften Zeitmaschinen durchlaufen wird, die den Titel Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von La Mancha, Die Pickwickier oder Der Fänger im Roggen tragen, oder vielleicht ein kurzes, ewig bestehendes Gedicht von Matsuo Basho:
Der ganze Tag lang
Reicht ihr nicht
Der Lerche, die singt.

Danke.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Verweise:

1 Es scheint sich hier eher um eine Paraphrase als um ein Zitat Wittgensteins zu handeln. Das Originalzitat lautet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“

2 Das Zitat stammt aus La Crise de l’esprit (1919) und lautet im Original: „ Nous autres, civilisations, nous savons maintenant que nous sommes mortelles.”

3 Der Buchtitel lautet The Gutenberg Galaxis. The Making of Typographic Man bzw. in der deutschen Übersetzung Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters (1962).

4 Der Autor verwendet im Original ein Wortspiel zwischen immediate und the medias [sic!], welches so im Deutschen nicht wiedergegeben werden kann.

5 Hier liegt ein Irrtum vor. Es war der byzantinische Kaiser Leo III., nicht der Papst selben Namens, der das Bilderverbot propagierte und stattdessen das Kreuz als abstraktes Symbol bevorzugte, was als „byzantinischer Bilderstreit“ in die Geschichte einging.

6 Fardi ud-Din Attar gilt gemeinhin als persischer Dichter.

7 Maemi ist das koreanische Wort für Zikade.