Zur Todes-Fatwa gegen Shahin Najafi

Wenn ein unliebsamer Autor von religiösen Autoritäten offen mit dem Tod bedroht wird, kann und darf der P.E.N. nicht schweigen. Der Fememord war einst eine Spezialität der Nazis, wo sie noch nicht an der Macht waren, oder rassistischer Organisationen wie des Ku Klux Klan. Iranische Groß-Ayatollahs bescherten uns eine Neuauflage dieses besonders niederträchtigen Verbrechens.

Die Todes-Fatwa gegen den in Deutschland lebenden Rapper Shahin Najafi ging nicht von der höchsten Autorität des iranischen Staates aus, wie einst das von Ayatollah Khomeini ausgesprochene Todesurteil gegen Salman Rushdie. Schon damals reagierten die demokratischen Staaten mit eigenartiger Zurückhaltung auf einen völkerrechtswidrigen Eingriff in ihre Rechtsordnungen. Die Fatwa gegen Najafi wurde „nur“ vom 94-jährigen Groß-Ayatollah Scheich Lotfollah Safi Golpayegani verhängt. Aus der Mischung, die dem Groß-Ayatollah so mißfiel, sticht vor allem Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen im Iran hervor. Ob es der Groß-Ayatollah war, der dem Mörder Najafis 100.000 Dollar versprach, ist nicht völlig geklärt. Najafi selbst macht „Gruppen aus dem Umfeld des Regimes“ dafür verantwortlich. Uns, die Poets, Essayists und Novellists (P.E.N.), beschäftigt allerdings ebenso wie ein solcher Mordaufruf die Reaktionen, die er ausgelöst hat – oder auch nicht.

Wir treten zu jeder Zeit für die Freiheit der Religionsausübung ein. Wir wenden uns angewidert von den rassistischen und verallgemeinernden anti-islamischen Tönen aus dem rechten Lager ab. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass jeder, der sich mit blauen Hunden ins Bett legt, mit braunen Flöhen aufwacht. Dies nur im Hinblick auf gewisse Koalitionsspekulationsgerüchte.

Wir warten aber auch auf den Tag, an dem auch die Muslime – für deren Rechte wir uns einsetzen und weiter einsetzen werden – auf der Straße gegen einen Mordaufruf wie die Fatwa des Groß-Ayatollahs protestieren. Wir warten darauf, dass – sollten wieder einmal Muslime zu Tausenden auf den Straßen gegen eine angebliche Beleidigung des Propheten durch irgendwelche Karikaturen auf die Straße gehen – andere Muslime dasselbe für die Freiheit der Meinungsäußerung tun. Muss sich, denken wir uns, ein aufgeklärter, im pluralistischen Europa angekommener Muslim nicht die vielleicht etwas weniger aufgeklärten, hier noch nicht so ganz angekommenen Muslime davon überzeugen, dass sie keine Rücksicht auf den Propheten fordern können, die auf keinen Jesus mehr genommen wird?
Leider ist es offenbar noch nicht so weit. Schade. Wir wissen aber, dass solche Prozesse Zeit brauchen.

Wir, der österreichische P.E.N., halten die Fatwa gegen den Rapper Shahin Najafi für die Aufforderung zu einem Verbrechen auf dem Niveau der Nazi-Fememorde und jener des Ku-Kluix-Klan. Ein anderes Urteil verdient sie nicht. Sie ist für uns aber auch Anlaß, die in Österreich lebenden Muslime zur Teilnahme am Protest gegen einen solchen Eingriff in die europäischen Rechtsordnungen einzuladen. Denn ohne eine solche Teilnahme bleibt auch der gemäßigte, humane Islam eine weiße Fläche auf der Landkarte der Humanität und Toleranz in Europa.