MEXIKO

Die besorgniserregende Situation im Land hat den Mexikanischen PEN dazu veranlasst, die Kampagne ¡Pen protesta! ins Leben zu rufen, in der Autorinnen und Autoren auf öffentlichen Plätzen des Landes gegen die Missstände auftreten und mit Vertreter/inne/n von Behörden in Kontakt treten. Ein kurzer Filmausschnitt einer solchen Aktion wurde am diesjährigen Writers In Prison-Abend gezeigt. Die vom Mexikanischen PEN ausgehende Kampagne wird von pen international unterstützt.

Wir sehen es als unsere Verantwortung an, zumindest auf die bedrohliche Situation für Schreibende in Mexiko hinzuweisen und möchten jene Fälle namentlich auflisten, die lediglich im Zeitraum von 1. Jänner bis 30. Juni 2012 bekannt geworden sind. Die Liste umfasst auch jene Fälle von früher, in denen sich im ersten Halbjahr 2012 neue Entwicklungen, wie etwa die Aufnahme strafrechtlicher Untersuchungen, ergeben haben. Nähere Informationen zu allen Fällen finden Sie auf der Homepage www.pen-international.org.

Ermordet: Tatmotiv unbekannt

*Marco Antonio AVILA GARCIA: Reporter für die Zeitungen Diario Sonora de la Tarde und El Regional de Sonora, ermordet am 17./18. Mai 2012 in Obregon, Bundesstaat Sonora. Laut Polizeiangaben lag ein Schreiben, das auf die Tat eines kriminellen Kartells hinweist, bei der Leiche. Untersuchungen durch den Staatsanwalt wurden eingeleitet. [RAN 26/12]
*VICTOR MANUEL BAEZ CHINO: Kriminalreporter für die Tageszeitung Milenio El Portal de Veracruz und Herausgeber der Website www.reporterospoliciacos.mx. Wurde am frühen Morgen des 14. Juni 2012 tot in einer Straße in Xalapa aufgefunden. Laut Behörden wird seine Ermordung mit organisiertem Verbrechen in Verbindung gebracht. [RAN 30/12]
*Guillermo FERNANDEZ GARCIA: Dichter und Übersetzer, 79 Jahre alt, wurde am 31. März 2012 bei sich zuhause in Toluca ermordet. Der Fall wurde zur Untersuchung der Staatsanwaltschaft übergeben. PEN bemüht sich um weitere Informationen. [RAN 16/12]
*Raul Regulo GARZA QUIRINO: Reporter für die Wochenzeitung La Ultima Palabra, am 6. Jänner 2012 von einer Bande in Cadereyta, Bundesstaat Nuevo León erschossen. Garza Quirino arbeitete in der Regionalregierung und war zuständig für soziale Entwicklung. [RAN 02/12]
*Regina MARTINEZ : Aufdeckungsjournalistin für das Magazin Proceso, wurde am 28. April 2012 tot in ihrer Wohnung im Bundesstaat Veracruz aufgefunden. Sie wurde geschlagen und erwürgt. Als Journalistin hatte sie über Drogenhandel und organisiertes Verbrechen berichtet. Derzeit kein Tatmotiv bekannt, ob ein Zusammenhang mit ihrer journalistischen Tätigkeit besteht, wird untersucht. [RAN 23/12]
*Rene ORTA SALGADO: Politischer Aktivist und ehemaliger Reporter für El Sol de Cuernavaca wurde am 12. Mai 2012 von seiner Familie als abgängig gemeldet; sein Leichnam wurde am 13. Mai 2012 im Kofferraum eines Autos in Cuernavaca, Bundesstaat Morelos, entdeckt. Untersuchungen des Staatsanwaltes wurden eingeleitet. Orta Salgado war ein Unterstützer der Partei PRI. [RAN 25/12]
*Hector Javier SALINAS AGUIRRE und Javier MOYA MUNOZ: Journalisten, Herausgeber der lokalen Nachrichtenwebsite Futuro.mx und Pressesprecher der Stadt Chihuahua, wurden bei einem Massaker in einer Bar in Chihuahua am 20. Aril 2012 erschossen. Salinas war Radiojournalist und ehemaliger Presseleiter der Partei PRI. Moya Muñoz war Tierarzt und Nachrichtenredakteur eines lokalen Radiosenders. Bewaffnete drangen in die Bar “La Colorada” ein, erkundigten sich nach dem Verbleib einzelner Personen und eröffneten das Feuer. 15 Menschen wurden getötet. Das Tatmotiv ist unbekannt.

Ermordet: Ermittlungen eingeleitet

*Ana Maria Marcela YARCE VIVEROS: Gründerin, Reporterin und PR-Chefin der politischen Zeitschrift Contralinea, wurde am 1. September 2011 nahe bei einem Friedhof im Park eines Armenviertels in Mexiko-Stadt ermordet aufgefunden, gemeinsam mit der Freelance-Journalistin und früheren Televisa-Reporterin Rocio Gonzalez Trapaga (f).
Verfahren: Zwei Verdächtige konnten ausgeforscht werden. [RAN 47/11]
Letzter Stand: Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt berichtete einer PEN-Delegation auf Besuch in Mexiko, dass die Verdächtigten in einem Strafverfahren verurteilt wurden. PEN versucht, weitere Informationen in Erfahrung zu bringen.

Bedroht
*STEPHANIA RODRIGUEZ CARDOSO : Reporterin der Zeitung Zócalo Saltillo aus Coahuila ist mit ihrem zweijährigen Sohn seit 8. Juni 2012 abgängig. Sie hat an den Feiern zum Tag der Freien Meinungsäußerung teilgenommen und war danach nicht mehr in ihrem Büro erschienen. Angehörige fanden ihre Wohnung in einem verwüsteten Zustand vor, ihr Photoapparat wurde zertrümmert und ihr Auto war verschwunden. Die Staatsanwaltschaft nahm ein Verfahren auf. Ein Woche später kehrte die Journalistin in einem sehr verängstigten Zustand zurück und sprach nicht öffentlich über den Vorfall. Die staatliche Regierung hat ihr Schutz zugesichert.

Todesdrohungen:

*Adela NAVARRO BELLO : Die Mitherausgeberin der Wochenzeitung Semanario Z erhielt gemeinsam mit ihren Redaktionskolleg/inn/en von einem Drogenkartell, vermutlich dem Arellano Félix Kartell. Navarro veröffentlichte die Drohung in ihrer Kolumne am 24. Februar 2012. Navarro berichtete, die Drohung sei von Melvín Gutiérrez Quiroz (‘El Melvin’) gekommen, einem Mitglied des oben genannten Kartells, der sich auf der Flucht vor US-Behörden befindet.
Übergriffe:
*Esteban MARCIAL, Jesus CRUZ PORRAS, Othon GARCIA, Alexander VILLAFANE, Jose LUIS LOPEZ, Connie BALGORRIA, Esteban RAMON HERNANDEZ: Journalisten für die Zeitschriften Noticias, Proceso, Rotativo, El Imparcial, Diario del Istmo und Meganoticias, wurden zwischen 26. Februar und 5. März von der Polizei In Oaxaca angegriffen. Sie hatten versucht, über Proteste zu berichten. Die Polizei verprügelte sie und setzte Tränengas gegen sie ein, während sie Demonstranten aus den Straßen vertrieb. Alle Opfer hatten sich als Journalisten ausgewiesen. Villafañe musste in Spitalsbehandlung.
*Antonio HERAS SANCHEZ: Korrespondent für La Jornada, wurde von zwei Unbekannten am 23. Februar2012 in Mexicali, Bundesstaat Baja California, attackiert, nachdem er zwei Pressekonferenzen besucht hatte. Bei einer davon hatte der ehemalige Gouverneur Eugenio Elorduy (Partei PAN) über Anschuldigungen seitens der Partei PRI gesprochen, wonach seine Partei PAN Verbindungen zum Drogenhandel habe. Auf seinem Weg nach Hause wurde der Journalist angehalten, verprügelt und schwer verletzt. Der Staatsanwalt verlautete am 14. März 2012, dass der Angriff nicht mit der Arbeit des Journalisten in Zusammenhang stehe.
*Gerardo PONCE DE LEON: Herausgeber und Redakteur der Website Marquesina Poíltica (unter dem Pseudonym Dr Shivago), wurde am 10. Mai 2012 in seinem Büro in Sonora angegriffen. Er wurde mit einem Leitungsrohr ins Gesicht geschlagen und aufgefordert, den Bundesstaat zu verlassen. Die beiden Täter gaben an, von einem Drogenkartell zu kommen, was Ponce de Leon bezweifelt. Am 16. Dezember 2011 hatte er berichtet, dass seitens des Bürgermeisters und des Rathauses von Hermosillo Druck auf ihn ausgeübt wurde, nicht mehr über Korruption und Drogenhandel zu berichten.

*Rafael SAID HERNANDEZ: Journalist und Herausgeber der politischen Wochenzeitschrift Revista Tucán. Er wurde am 24. Juni 2012 am Eingang vor seinem Haus Opfer einer Messerattacke. Die Polizei nahm drei Verdächtige fest, das Tatmotiv ist unklar. Die Zeitschrift verfolgt eine kritische Blattlinie und ist linksorientiert. Vor kurzem berichtete sie über massive Menschenrechtsverletzungen im Jahr 1996.

Bedroht:
*Ricardo ALEMAN, Carlos MARIN: ein Kolumnist für for La Otra Opinión und der Generaldirektor der Verlagsgruppe Milenio wurden Berichten zufolge von UNbekannten am 23. Und 27. Juni 2012 eingeschüchtert und bedroht.
*Verónica JIMÉNEZ : Korrespondentin der Tageszeitung Reforma. Am 20. Juni 2012 wurde sie bei der Berichterstattung über eine politische kampagne bedroht und auf Anordnung des Wahlkampfleiters der Partei PRI im Bundesstaat Hidalgo von örtlichen Polizeiklräften länger als eine Stunde in Gewahrsam genommen.

Laufende Gerichtsverfahren:
*Maria de Jesus BRAVO PAGOLA und Gilberto MARTINEZ VERA: eine Lokaljournalistin und ein Lehrer aus Veracruz. Beide hatten über soziale Netzwerke im Internet am 25. August 2011 vor geplanten Überfällen örtlicher banden auf Schulen gewarnt und wurden wegen Panikmache und Verbreitung von Falschmeldungen angeklagt. Sie wurden unter Druck gesetzt, ein Geständnis abzugeben. Zugang zu einem Anwalt wurde ihnen verweigert. Bei einem Schuldspruch drohen ihnen bis zu 30 Jahre Haft. Keine weiteren Neuigkeiten dazu seit 30. Juni 2012.
*Arcelia GARCIA ORTEGA : Reporterin für Realidades de Nayarit, von einem Politiker wegen übler Nachrede angeklagt. Im Falle eines Schuldspruches drohen ihr eine Gefängnishaft zwischen 3 Tagen und 1 Jahr oder eine Geldbuße von 10 Tagesinkommen. Am 21. Juli 2011 berichtete Garcia über Bemerkungen des Abgeordneten der Partei PAN Ividelezia Reyes Hernández, wonach dieser seinen Kollegen Omar Reynoso Gallegos von der Partei PRI finanzielle Unregelmäßigkeiten während seiner Zeit als Gesundheitsstaatsekretär unterstellte. Garcia hat verschiedenen Regierungsbehörden und Journalistenvereinigungen geschrieben, um auf die Einschüchterung seitens des Politikers hinzuweisen. Keine weiteren Neuigkeiten bis 30. Juni 2012.
Einschüchterungsversuche:
*Arturo SANTAMARIA GOMEZ: Politischer Kolumnist für die Tageszeitung El Noreste und Publizistikprofessor an der Universidad Autónoma de Sinaloa (UAS) wurde bedrocht und Opfer einer Schmutzkampagne im Jänner 2012. In der Zeitung El Debate erschien ein anonymer Artikel, in dem Santamaria Gomez vorgeworfen wird, das Leben seiner Student/inn/en zu gefährden und ein „Mörder des Journalismus“ zu sein. Es kam zu Einschüchterungsversuchen in seiner Nachbarschaft. Er vermutet, dass die Einschüchterungsversuche mit seinen Berichten über Korruptionsvorwürfen gegen den früheren Rektor der UAS und jetzigen Bürgermeister von Culiacan, Hector Ojeda Cuén Melesio, zu tun haben.

Haft:
Enrique ARANDA OCHOA: Universitätslehrender und Schriftsteller, seit 1996 gemeinsam mit seinem Bruder Adrián Aranda Ochoa wegen der angeblichen Entführung der Tochter eines Politikers in Haft.
Details zu Festnahme und Verhaftung: Die Brüder Aranda wurden am 25. Juni 1996 festgenommen. Ihnen wurden verschiedene Verbrechen zur Last gelegt, darunter Entführung und das Tragen von Waffen. Sie wurden für schuldig erklärt, Lorena Pérez-Jácome F., eine Fernsehansagerin und Tochter eines Politikers der Partei PRI, der Senator und Präsidentensprecher gewesen war, entführt zu haben. Sie wurden später ebenfalls für Raub schuldig gesprochen. Diue Brüder wurden im Polizeigewahrsam angeblich gefoltert und gezwungen, Geständnisse zu unterschreiben.
Urteil: Im August 1997 wurden beide Brüder zu 57 Jahren Gefängnishaft verurteilt. Die Foltervorwürfe wurden nicht in Betracht gezogen.
Foltervorwürfe: Die Brüder erhoben Beschwerde gegen den Staat wegen Folter und Amtsmissbrauch. Im Mai 1999 belegte ein medizinisches Gutachten Folter. 2002 empfahl die Menschenrechtskommission des Bundesdistrikts (CDHDF), die Täter zur Verantwortung zu ziehen und den Opfern Entschädigungen zukommen zu lassen. Der Staatsanwalt akzeptierte diese Empfehlungen, sie müssen jedoch erst umgesetzt werden.
Neuaufnahme des Verfahrens: Im Zuge einer Neuaufnahme des Verfahrens im Jänner 2005 wurde das Urteil auf 40 Jahre Haft verringert. Im März 2007 wurde es auf 32 Jahre herabgesetzt, nachdem der Anklagepunkt des Raubes fallen gelassen wurde. Im Dezember 2008 erfolgte eine weitere Herabsetzung auf 24 Jahre und 6 Monate. Im Juli 2010 hofften die Brüder auf eine verfrühte Freilassung (beneficios de preliberación). Mit 30. Juni 2012 sind sie jedoch offenbar immer noch in Haft im Gefängnis Reclusorio Sur in Mexiko-Stadt.
Mögliche Haftgründe: Die Haftgründe für die beiden Brüder sind nicht klar. Enrique Aranda glaubt, dass seine Verhaftung mit seinen politischen Aktivitäten und seiner offenen Kritik an der Administration der damaligen Regierungspartei PRI zu tun hat. Bei seiner Festnahme wurde er zu seinen politischen Aktivitäten befragt. Er behauptet, das gesamte Verfahren habe unter politischem Druck stattgefunden.
Meinung des PEN: PEN bezieht keine Stellung dazu, ob Aranda schuldig oder nicht schuldig ist. PEN ist besorgt über die Foltervorwürfe und appelliert an die mexikanischen Behörden, die Empfehlung der Menschenrechtskommission (CDHDF) umzusetzen.
Hintergrund: Enrique Aranda hielt mehrere Jahre Vorlesungen in politischer Psychologie an der Iberoamerikanischen Universität in Mexiko-Stadt und ist ein ehemaliger Präsident der Mexikanischen Psychologenvereinigung. Seit seiner Inhaftierung wurde er ein produktiver Schriftsteller, der sechs Gedichtbände, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Romane und Sachtexte verfasst hat, die allesamt bis dato unveröffentlicht sind. Sein Werk wurde mit 11 nationalen Preisen ausgezeichnet. Adrián Aranda ist Buchhalter. Keine weiteren Neuigkeiten bis 30. Juni 2012.

Juli 2012
Héctor Gordoa, Reporter
Mexiko-Stadt

„Ich bin ein mexikanischer Journalist. Mein Name ist Héctor Gordoa. Am 26. Juli 2012 recherchierte ich einen Kriminalfall von Gomez Palacio in Durango und wurde dabei von einer Gruppe von Drogenschmugglern entführt, die dem von Joaquin ,El Chapo‘ Guzman geführten Pazifik-Kartell angehören.
In den 25 Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich schon viele gefährliche Situationen erlebt. Ich hatte aber noch nie ein Szenario wie jenes durchgemacht, das mich über mein Leben und jenes meiner Familie grundsätzlich nachdenken ließ.
Leider gehöre ich zu der langen Liste von Kollegen, die Ungewissheit und Unsicherheit erleben, weil sie, wie ich, in ihrer Freiheit der Berichterstattung eingeschränkt wurden und sowohl ihre eigene als auch die Gesundheit ihrer Familien gefährdet haben.
Drohungen, Erpressung, Entführungen und sogar Mord machen in Verbindung mit der mangelnden Sicherheit und der Straflosigkeit der Täter die Ausübung des Journalismus in meinem Land unmöglich.
Gegenwärtig ist Mexiko das gefährlichste Land für Journalisten, obwohl es sich nicht im Kriegszustand befindet. Aber es herrscht ein Krieg in Mexiko zwischen Drogenkartellen und der Regierung, der beinahe 70 000 Menschen das Leben gekostet hat. Trotz fehlender Sicherheitsvorkehrungen haben Journalisten unser aller Engagement für die Gesellschaft erfüllt. In den letzten 10 Jahren wurden 84 Journalisten ermordet und mehr als 40 sind spurlos verschwunden.
Der Journalismus ist ein spannender Beruf und eine große gesellschaftliche Verantwortung. Wir sind Diener der Information, und deshalb setzen wir Tag für Tag unser Engagement fort.“