Unser Blick auf die Debatte der Übersetzung

Die junge schwarze Lyrikerin Amanda Gorman wurde mit ihrem Auftritt bei der Amtseinführung des US-amerikanischen Präsidenten Biden umgehend weltberühmt. „The Hill We Climb“, ihr zur Versöhnung aufrufendes Gedicht im Stil der Spoken Word Poetry, wird nun auch in anderen Sprachen übersetzt. Als Kritik daran laut wurde, dass eine weiße Autorin und Übersetzerin den Text einer schwarzen Lyrikerin in das Niederländische übertragen sollte, setzte eine Debatte darüber ein, was dergleichen identitätspolitische Regeln für die Literatur bedeuten würden, und ob die um sich greifende Cancel-Culture, die vermeintlich Ungehöriges aufspürt, es künftig verunmöglicht, sich literarisch zu verständigen. Der PEN Club hat vier seiner Autorinnen eingeladen, diese Debatte zu kommentieren. Hier Ausschnitte der Texte, die im poesie.kontor 2 zu lesen sein werden.

Sarita Jenamani (Indien, Österreich), Schriftstellerin, Übersetzerin, Generalsekretärin des Österreichischen PEN Clubs, Herausgeberin des zweisprachigen Magazins für Migrant*innenliteratur „Words & Worlds“

 „Eine gute Übersetzung möchte alle Stimmen umfassen, und es bedarf vor allem der individuellen Lebenserfahrung, um Literatur gut zu übersetzen. Wie andere Branchen sollte auch die Verlagsbranche vielfältig, inklusiv und politisch korrekt sein, jedoch dürfen die literarischen Qualitäten angesichts der grassierenden Identitätspolitik nicht beeinträchtigt werden und schon gar nicht der Angst vor den sozialen Medien erliegen. Der aktuelle Konflikt der Identitätspolitiken und die der Branche zunehmend aggressiv abverlangte politische Korrektheit erschweren jedoch den Zugang zu den Leser*innen. Zudem widerspricht die Entscheidung darüber, wer Amanda Gorman übersetzen sollte, dem weltoffenen Geist ihres Schreibens. Sie sagt nämlich: Um eine Welt zu erfassen, die allen Kulturen, Hautfarben, Charakteren und Lebenswelten verpflichtet ist, richten wir unseren Blick nicht auf das, was uns trennt, sondern auf das, was vor uns steht.

Ishraga Mustafa Hamid (Sudan, Österreich), Schriftstellerin, Übersetzerin, Politikwissenschaftlerin, Mitglied des Writers in Prison Komitees, Mitbegründerin der Schwarzen Frauen Community in Wien

„Das aktuelle Geschehen erinnert mich an das Buch von Ngũgĩ wa Thiong’o, in dem er schreibt, dass wir als Schwarze unser Bewusstsein dekolonialisieren, wenn wir in unseren Muttersprachen schreiben. Ich halte diesen Aspekt für wichtig. Doch wie könnten unsere Literaturen, die vorwiegend in zahlreichen afrikanischen Sprachen geschrieben werden, international rezipiert und verstanden werden, würden sie nicht in andere Sprachen übersetzt? Wer sollte die Werke afrikanischer Autor*innen übersetzen können? Ich meine diejenigen, die sich gut mit diversen Sprachsystemen auskennen und sich mit den vielfältigen Kulturen und ihren Sprachen auseinandersetzen. Diejenigen, die solidarisch und grenzüberschreitend denken und Diversität anerkennen. Übersetzung ist eine Brücke für die Wahrnehmung der Diversität der anderen, die Basis eines besseren solidarischen Miteinanders. Durch Übersetzung – Verständnis und Verständigung – gelingt der Kampf gegen Diskriminierung. 

Alecia McKenzie (Jamaica, Frankreich), Autorin, Journalistin, Herausgeberin

„Einige Aspekte der jüngsten Debatte scheinen sich wohl unserem Verständnis zu entziehen oder blieben absichtlich unbeachtet. Im Wissen darüber, dass Ungleichheit besteht – und wir alle daran beteiligt sind – sollten alle „Gelegenheiten“ wahrgenommen werden, um diese Situation zu verändern. Dies kann nicht gelingen, wenn nur Personen mit der gleichen ethnischen Zugehörigkeit oder demselben Geschlecht die Werke anderer übersetzen dürfen. Es ginge mehr darum, sich Diversität zu vergegenwärtigen und alles für Inklusivität zu tun. Wir sollten aus solchen Debatten lernen, um die in unterschiedlichen Bereichen arbeitenden Schriftsteller*innen, Übersetzer*innen und Verleger*innen zu stärken, denn ihre Zusammenarbeit bedeutet Brücken zu bauen.

Sonia Solarte Orejuela (Kolumbien/Deutschland), Dichterin, Sängerin, Psychologische Psychotherapeutin und Leiterin von Schreibwerkstätten

Viele andere und ich gerieten durch die Kontroverse, wer berechtigt ist, das Gedicht in verschiedene Sprache zu übersetzen, in helle Aufruhr. Ich halte es für gefährlich, skandalös und unbegründet zu meinen, dass die Überwindung von Rassen- und Geschlechterdiskriminierung bedeuten soll, dass genau dieselben Formen der Diskriminierung in die Sphären des literarischen Schaffens eingeführt werden. Die Tatsache, dass sich die Autorin verwundert gezeigt hat, dass keine schwarze Übersetzerin für die Übersetzungen in unterschiedliche Sprachen ausgewählt wurde, scheint mir gültig und in ihrer Position vollkommen kohärent. Es ist die Empfehlung, schwarze Übersetzer*innen einzuladen, welche so aufgenommen wird, als wäre es eine unabdingbare Forderung der Autorin, die einen kategorischen und absurden Separatismus erzeugt. Und dies kann als eine Position interpretiert werden, die in die entgegengesetzte Richtung laufen würde, als das, was Amanda Gorman in ihrem Gedicht postuliert: einen Aufruf zur Einigkeit in der Erschaffung eines solidarischen und gerechten Landes, einer solidarischen und gerechten Welt.

Nathalie Rouanet (Frankreich, Österreich): Autorin, Übersetzerin, Germanistin, Slammerin und Cut-Outs-Kleberin unter dem Namen Ann Air

„Die Sache Gorman“ geht von einer falschen Prämisse aus, denn die Debatte dreht sich um die Frage: „Wer darf übersetzen?“. Beim literarischen Übersetzen (viel mehr als bei jeder Art von juristischer oder technischer Übersetzung etwa) lautet die Frage nicht, wer darf, sondern wer kann. In erster Linie. Abgesehen von einer fundierten Sprachkompetenz in beiden Sprachen soll sich die Übersetzerin in eine fremde Welt, einen fremden Sprachduktus, eine fremde Perspektive einfühlen können. Es soll aber nicht bedeuten, dass wir uns beim Übersetzen die Frage der Identität und der Identifikation nicht stellen. Die Verlage haben da einen Marketing-Coup geschnüffelt. Ich nenne es die Bling-Bling-Seite des Literaturbetriebs. Es musste schnell gehandelt werden, es ging um Medienaufmerksamkeit, damit um kommerziellen Gewinn. Die inkriminierten Verlage haben da eine Bresche geschlagen, und die social media, Medien und Kritiker sind ihnen blindlings gefolgt.

Weiterführende Literatur in der edition pen:

Ishraga Mustafa Hamid: Das Weibliche der Flöte. Lyrik. Band 79, Löcker Verlag, Wien 2017, ISBN 978-3-85409-884-3.

Ishraga Mustafa Hamid: Gesichter der Donau. Lyrik und Prosa. Band 15, Löcker Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-85409-718-1.

Philo Ikonya, Helmuth A. Niederle (Hrsg.): Schwarze Orphea / Black Orphea. Bedeutsame Wut / Relevant Rage. Band 16, Löcker Verlag, Wien 2016, ISBN 978-3-85409-717-4.

Sarita Jenamani: Inschriften auf Sanddünen / Inscriptures On Sand Dunes. Gedichte. Band 76, Löcker Verlag, Wien 2017, ISBN 978-3-85409-881-2

Alecia McKenzie: Schätzchen. Roman. Aus dem jamaikanischen Englisch von Harald Kollegger. Band 177, Löcker Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-99098-053-8.

Melibea Obono: Wem gehören die Bindendee? Ein afrikanisches Idyll. Bd. 160, 2020.

Nathalie Rouanet: Von Honig und Absinth. Roman. Band 138. Löcker Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-99098-006-4.

Redaktion: Marion Wisinger